Cargo-Trams rollen am Stau vorbei

Die aktuelle Ausgabe des Cargo Magazins widmet sich der Bedeutung der Bahn in den Städten und Agglomerationen. Stefan Wolpert von der Nürnberger Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS) erwähnt in seinem Interview auch die Güter-Strassenbahnen in einigen europäischen Städten. Ein guter Grund, um sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.

Cargo-Tram
Quelle: Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ).

Anfang des 19. Jahrhunderts waren solche Cargo-Trams für innerstädtische Gütertransporte noch weitverbreitet. Insbesondere die Beförderung von Baustoffen wurde damit abgewickelt. Doch mit der Zeit geriet dieses umweltfreundliche City-Logistik-Konzept immer mehr in Vergessenheit. Lediglich im sächsischen Dresden und in Zürich kommen die Cargo-Trams heute wieder zum Einsatz.

In Österreichs Hauptstadt Wien wurde dagegen das 2005 gestartete Projekt «GüterBim» schon nach wenigen Jahren wieder zu Grabe getragen. Ursprünglich war geplant, die Bahn in betriebsschwachen Zeiten Handelsketten und anderen Interessenten als Transportmittel zur Verfügung zu stellen. Doch die erhoffte Kundschaft blieb aus. Was in der Theorie aus rein technischer Sicht wunderbar funktioniert hätte, scheiterte in Wien in der Praxis. Auch in Amsterdam platzte 2009 mit dem Konkurs der Betreibergesellschaft das ambitionierte Projekt CityCargo, in dem bis zu 50 Cargo-Trams den Warenverkehr mit den Geschäften und Gaststätten in der Innenstadt übernehmen und diese vom LKW-Lieferverkehr entlasten sollten.

Anders in Dresden, wo seit dem Jahr 2000 die «CarGoTram» just in time Fahrzeugteile zwischen dem Logistikzentrum von Volkswagen und der Gläsernen Manufaktur des Autoherstellers transportiert. Dort wird die Nobelkarosse Phaeton in Handarbeit gefertigt. Das im deutschen Automobilbau einzigartige Logistikkonzept ermöglicht eine taktgenaue Anlieferung der Teile und Baugruppen mit der Strassenbahn und verhindert, dass sich tagtäglich Lastwagen der VW-Zulieferer durch die ohnehin staugeplagte Innenstadt quälen müssen und die überlasteten Dresdner Strassen zusätzlich verstopfen. Die im Volkswagen-Blau lackierten Spezialbahnen in der sächsischen Landeshauptstadt sind knapp 60 Meter lang und haben 214 Kubikmeter Laderaum – das entspricht dem Transportvolumen von bis zu drei Lastwagen.

Ebenfalls eine Erfolgsgeschichte ist das «Cargo-Tram» der ERZ Entsorgung + Recycling Zürich und der Verkehrsbetriebe Zürich VBZ. Die Strassenbahn dient seit 2003 der Entsorgung von Sperrgut und Metall in der Innenstadt. 2007 wurde sie durch das E-Tram ergänzt, in dem die Zürcherinnen und Zürcher Elektrogeräte entsorgen können. Die mobilen Recycling-Zentren fahren zu den Kundinnen und Kunden, denn 48,3 Prozent der Stadtzürcher Haushaltungen besitzen kein Auto und könnten ihre Wertstoffe sonst nur schwer entsorgen. In regelmässigen Abständen können sie nun an den Haltestellen des Fahrzeuges zum Beispiel Flachglas, Grossmetall, Sperrmüll und Steingut oder Elektroschrott abgeben.

Der als «Cargo-Tram» eingesetzte Dienstmotorwagen Xe 4/4 war ursprünglich für den Einsatz beim Schneeräumen umgebaut worden. Dabei wurde der vorderste Teil des Wagens gekröpft, ein neuer Führerstand eingebaut und bei mehreren Fahrzeugen eine hydraulisch bedienbare Vorrichtung zum vertikalen und horizontalen Verschieben des Schneepflugs angebracht. Auch heute ist das «Cargo-Tram» noch immer für den Schneepflug ausgerüstet, aber diese Aufgabe muss der Wagen nur noch selten bewältigen.

Zwar sieht Stefan Wolpert in seinem Interview mit dem Cargo Magazin für dieses Verkehrsmittel durchaus «Potenzial für den Intracity-Transport». Doch dürften Strassenbahnen im innerstädtischen Güterverkehr auch in Zukunft eine Nischenlösung bleiben und ihr Einsatz voraussichtlich weiter auf spezielle Einsatzbedingungen beschränkt sein. Denn ihr Potenzial für die lokale Empfängerbelieferung ist nun einmal beschränkt, da ein Tür-zu-Tür-Transport in der Stadt damit oft nicht verwirklicht werden kann. Oder was meinen Sie?

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