Karton auf Schienen

Unternehmerisch neue Wege bestreiten: Zwei Firmen in Deutschland machen es vor. Sie transportieren Wellkarton für die Autoindustrie neu vorwiegend mit der Bahn – sogar auf kurzen Strecken.

Wenn es kracht, schlägt ihre grosse Stunde: Stossfänger aus Kunststoff sorgen dafür, dass beim Auto die Karosserie bei einem Aufprall mit geringer Geschwindigkeit vor bleibenden Beschädigungen geschützt wird. Bis zum Einbau ins Fahrzeug haben sie aber einen längeren Weg vor sich – vom Hersteller ans Fliessband in den Automobilfabriken. Damit ihnen unterwegs nichts passiert, werden sie mit Wellkarton verpackt – ein vollständig wiederverwertbares, ökologisches Verpackungsmaterial. Dieses kommt unter anderem aus einem Werk im deutschen Mannheim. Dort stellt es von DS Smith, Europas grösster Wellkarton-Produzent, hergestellt.

Fotos: Sputnik GmbH

Der Wellkarton wird von Rhein und Neckar zum Automobilzulieferer in Niedersachsen befördert. Bisher geschieht dies im Lastwagen. Die dadurch entstehenden Schadstoffemissionen vergrössern aber den ökologischen Fussabdruck des umweltfreundlichen Produktes. «Nachhaltigkeit ist in unserer Unternehmensphilosophie fest verankert», unterstreicht Michael Dorn, Dispatching-Manager von DS Smith in Mannheim. Bei dem Verpackungs- und Displayhersteller denke man in Kreisläufen und verliere nie das Gesamtbild aus dem Auge.

Deshalb stieg das Unternehmen ohne zu zögern in ein Pilotprojekt ein, das die Sievert Handel Transporte GmbH (sht) aus Lengerich in Westfalen entwickelte: Statt auf der Strasse sollte der Karton zum Grossteil auf der Schiene sein Ziel erreichen. «Wir freuen uns sehr über das Engagement unseres Logistikdienstleisters und begrüssen ausdrücklich die von ihm konzipierte Transportlösung zu gleichbleibenden Kosten», sagt Dorn. Ein ökologisch ausgerichtetes Logistikkonzept sei eine konsequente Weiterentwicklung der vorhandenen Firmenstrategie.

Mitte April rollte dann testweise der erste Güterzug Richtung Norden. Die intermodale Transportkette startet an der Mannheimer Wellpappenfabrik, wo die Auflieger des 1919 gegründeten Logistikdienstleisters sht mit palettierten Kartonagen beladen werden. Sie fahren mit dem LKW zum Kombi-Terminal Ludwigshafen, werden dort abgekoppelt und komplett auf Eisenbahnwagen verladen. Der Hauptlauf erfolgt mit einem Shuttle-Ganzzug des Bahnlogistikers Hellmann Rail Solutions über eine Strecke von rund 450 Kilometern bis nach Osnabrück. Von dort geht es per LKW weiter zum finalen Bestimmungsort in Niedersachsen.

«Die Kombination von Lastwagen und Zug ist für uns eine willkommene Alternative zur reinen Beförderung auf der Strasse», betont Michael Dorn. Bisher fänden in Deutschland solche intermodale Transporte sehr selten auf Kurzstrecken oder über mittlere Distanz statt, weil sie angeblich zu unwirtschaftlich seien und die Organisation der Logistikkette zu kompliziert. Doch die Vordenker aus Westfalen haben sich von diesen Vorurteilen nicht beindrucken lassen und nun den Gegenbeweis angetreten. Auch wenn noch nicht alle Parameter ausgewertet sind, lässt sich bereits jetzt der ökologische Effekt beziffern: Die CO2-Emission wird pro Auflieger und Rundlauf nahezu halbiert.

Aus Sicht von sht-Geschäftsführer Niklas Sievert gibt es aber noch mehr Vorteile: «Verlader profitieren insbesondere von der getakteten Versorgung, die sich recht schnell und sicher skalieren lässt». Zudem sei der Hauptlauf per Güterzug wesentlich unabhängiger von Witterung und Stau – selbst wenn Vor- und Nachlauf per LKW erfolge. Nach Auswertung weiterer Parameter des Pilotprojektes ist Sievert auch von dessen Wirtschaftlichkeit überzeugt: «Wir haben zwar den gleichen Umsatz, schonen aber unser Equipment sowie die Lenkzeiten unserer Fahrer». Deshalb – so der Branchenpionier – werden dem ersten Wellkarton-Zug noch viele weitere folgen.

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