Eine Nacht unterwegs mit dem Militärzug vom Rangierbahnhof Limmattal nach Chur

andreas.jpgAndreas Hobi ist Reisezugbegleiter bei der SBB und bloggt auf schweizweit.net über seine Arbeit und den öffentlichen Verkehr der Schweiz. Im Cargo-Blog wird er in den nächsten Wochen einige Gastbeiträge veröffentlichen.

Wer hätte das gedacht: Nach neun Jahren beim Personenverkehr der SBB verbringe ich mal einen Abend auf „fremden“ Territorium, auf dem Rangierbahnhof Limmattal, der mehrheitlich von SBB Cargo genutzt wird. Der „RBL“, wie er von den Bähnlern genannt wird, ist einer der grössten und leistungsfähigsten Rangierbahnhöfe Europas und liegt zwischen Spreitenbach AG und Dietikon ZH. Genutzt wird er hauptsächlich von SBB Cargo, Besitzer ist aber die Division Infrastruktur.

Mancher Passagier hat auf seiner Zugfahrt von Zürich in Richtung Olten, Bern, Basel oder Biel schon über die Dimensionen dieses riesigen Rangierbahnhofs gestaunt. Oft werde ich als Zugbegleiter der SBB auch gefragt, welchem Zweck diese unzähligen Gleise dienen und wie so ein Rangierbahnhof denn genau funktioniere.

Auch ich kannte den RBL lange Zeit nur vom Vorbeifahren.

Bis zu jenem Tag im letzten Herbst, als es plötzlich hiess: Heute wirst du im RBL einen Militärzug mit Panzern und Soldaten holen und nach Chur begleiten. Eine Herausforderung, wie ich sie liebe.

Normalerweise verlasse ich mein Zuhause ungefähr 45 Minuten vor Arbeitsbeginn und habe dann im Zugpersonal-Depot in Chur eine halbe Stunde Zeit, mich auf die bevorstehende Tour vorzubereiten.

An diesem Tag aber war alles anders.

Es fing damit an, dass ich den spätesten Arbeitsbeginn meiner SBB-Karriere hatte: 20:08 Uhr. Für mich eine komplett neue Erfahrung! Vorallem, als ich zu Hause beim Nachtessen sass und immer daran denken musste, dass ich noch einen ganzen „Arbeitstag“ vor mir habe.

Ausserdem verliess ich meine Wohnung nicht erst 45 Minuten vor Arbeitsbeginn, sondern ganze eineinhalb Stunden. Denn an diesem Tag wollte ich alles richtig machen. Im Depot angekommen, suchte ich im Intranet der SBB die Pläne des RBL heraus; auf dem Ausdruck markierte ich mein Gleis, auf welchem der Militärzug stehen wird. Ich zeichnete ein, welcher Weg am optimalsten ist, um vom Dienstgebäude des RBL zu „meinem“ Zug zu gelangen. Ich suchte ausserdem den Fahrplan des Personalbuses heraus, mit dem ich mitten in der Nacht, kurz nach 23:00 Uhr von Dietikon zum RBL fahren würde.

Bepackt mit einem ganzen Mäppchen voller Unterlagen verliess ich meinen Heimatbahnhof Chur dann mit dem Interregio um 20:16 Uhr.

Im Hauptbahnhof Zürich hatte ich noch die Möglichkeit, mich mit einer Zwischenmahlzeit zu stärken, bevor es dann ernst galt.

Danach ging es mit der S-Bahn weiter nach Dietikon, wo der Personalbus auf mich wartete. Nach der kurzen Fahrt im Dienstgebäude angekommen ging ich zuerst zu einem Info-Monitor, um mich zu vergewissern, dass es nicht kurzfristig zu einer Gleisänderung gekommen ist. Dann nochmals eine Cola aus dem Getränkeautomat und los ging es zu Fuss zu meinem Gleis.

Hier wurde der aus Bure in der Westschweiz angekommene Zug getrennt: Ein Teil fuhr mit mir nach Chur, der andere anscheinend ins Glarnerland.

Mein Zugteil bestand aus drei Personenwagen voller schlafender Rekruten und ungefähr sieben Wagen von SBB Cargo mit Panzern und anderen Fahrzeugen des Militärs. Ich fand es sehr eindrücklich, solch einen Zug mal von der Nähe zu betrachten.

Als ich dann den Zug einmal angeschaut und abgelaufen habe, ging es darum, die Zugdaten zu erfassen. Schliesslich muss der Lokführer ja wissen, wie viele Wagen er hinter sich hat und wie schwer die sind.

Personenwagen zu erfassen, das stellt für mich keine grosse Herausforderung dar. So etwas mache ich täglich. Aber diese Güterwagen… Glücklicherweise habe ich mir zu Hause die Fahrdienstvorschriften und Unterlagen rund um Güterwagen nochmals gründlich angeschaut, so dass ich auch diese Herausforderung problemlos meistern konnte.

Nachdem ich mich mit dem Lokführer besprochen und die Zugdaten abgegeben hatte, fing für mich der gemütlichere Teil meiner Tour an.

Eigentlich besteht mein Job als „Reisezugbegleiter National“ bei der SBB ja darin, die Fahrausweise der Reisenden zu kontrollieren, den Zug auf den Unterwegsbahnhöfen abzufertigen und den Komfort und die Sicherheit auf dem Zug zu gewährleisten.

Eine Kontrolle der Fahrausweise brauchte es auf diesem Zug nicht. Die Soldaten konnte ich also schlafen lassen. Abzufertigen brauchte ich den Zug auch nicht, schliesslich haben wir weder Unterwegsbahnhöfe noch ist es ein Personenzug im eigentlichen Sinne.

Und so begann dann unsere Reise nach Chur. Als Zug mit der Nummer 78103 fuhren wir zuerst vom RBL nach Dietikon. Eine Fahrt von gerade einmal vier Minuten. Dort ging ich dann um 00:15 Uhr nochmals zu einem Getränkeautomaten, um mir eine Erfrischung zu holen, als ich auf den Lokführer traf, der anscheinend auch Durst hatte. Er fragte mich: „Gell, mit .42 fahren wir weiter?“
„Ja, das ist richtig. Aber mit 01:42, nicht 00:42, das hast du sicher gesehen, oder?“
„Mit…? 01:42? Ok…“

Für uns beide war es ungewohnt, einfach mal eineinhalb Stunden mit dem Zug in einem Bahnhof herumzustehen. Langweilig wurde es uns dann aber doch nicht. Obwohl es mitten in der Nacht war, trieben sich ein paar Jugendliche auf dem Bahnhof herum und schienen Interesse gefunden zu haben an den Panzern. Also behielten wir die Jungs mal ein wenig im Auge. Nicht dass die Panzer in Dietikon noch eine komplett neue „Tarnfarbe“ frisch aus der Sprühdose verpasst bekommen.

Ausserdem fiel in einem der drei Personenwagen noch die Heizung aus. Obwohl die Soldaten der „besten Armee der Welt“ ja grundsätzlich hart im Nehmen sind, wurde es bald ungemütlich kalt. Also kümmerte ich mich auch noch um dieses technische Problem. Glücklicherweise war der Fehler rasch gefunden und die Soldaten tauten wieder auf.

Einige Zeit später war es dann so weit und wir konnten unsere Reise nach Chur in Angriff nehmen. Mit einen kleinen Umweg über Rapperswil und Uznach (wegen einer Baustelle zwischen Pfäffikon SZ und Ziegelbrücke) kamen wir dann kurz vor 04:00 Uhr in Chur an. Hier übergab ich den Zug auch sogleich den Rangiermitarbeitern, die für den Ablad der Fahrzeuge verantwortlich sind.

Schliesslich im Zugpersonal-Depot angekommen traf ich dann auch gleich auf die Kollegen von der Frühschicht. „Ah, hoi Andreas, auch schon wach?“

Mit einem Lachen sagte ich: „Auch schon, das tönt gut. Nein, bin immer noch wach. Und jetzt gehe ich nach Hause und schlafe ein paar Stunden.“

Und so ging eine spannende Nacht zu Ende.

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