Interview: Mit Kooperationen den Fachkräftemangel bekämpfen

Prof. Dr.-Ing. Hans-Christoph Thiel ist Leiter des Lehrstuhls Eisenbahn- und Strassenwesen an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) im ostdeutschen Cottbus. Der gelernte Eisenbahner engagiert sich seit Jahren für die Nachwuchsförderung. Im Interview mit dem Cargo Blog benennt er einige Defizite.

Prof. Thiel
Prof. Dr.-Ing. Hans-Christoph Thiel, Leiter des Lehrstuhls Eisenbahn- und Strassenwesen an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU).

Die Bahnbranche klagt insgesamt über einen wachsenden Fachkräftemangel – insbesondere in den technisch orientierten Berufen vom Lokführer bis hin zum Ingenieur. Wo liegen die Ursachen?
Prof. Thiel: Es ist sicherlich auch eine Imagefrage. Denn die Bahnbranche und deren Mitarbeiter werden zwar in der Gesellschaft wahrgenommen und anerkannt. Ihre Arbeit wird aber auch als Selbstverständlichkeit angesehen. Dann hat sich in den letzten Jahrzehnten ein erheblicher Wertewandel vollzogen zugunsten junger Technologien. Ich sage bewusst nicht «moderne Technologien», denn modern und innovativ sind die Logistik- und Bahnbranche mit Sicherheit auch. Solche Wirtschaftsbereiche wie Medientechnik, Informatik, Finanz- oder Managementbranche ziehen zunehmend die junge Generation als Potenzial für Fachkräfte für Verkehr und Logistik ab. Kindern und Jugendlichen wird dieser wichtige Teil der Wirtschaft nicht mehr systematisch nahegebracht. Dort, wo noch mit Bahnen gefahren wird, ist längst die Masse der Betriebseisenbahner verschwunden. Die haben früher mit ihrer Person und ihren Familien wie selbstverständlich für die Branche geworben. 

Wie lässt sich das ändern?
Prof. Thiel: So etwas lässt sich nur mit neuen Kooperationsformen kompensieren, indem z. B. Unternehmen der Logistik- und Bahnbranche ganz bewusst frühzeitig die Nähe zu Schülern und Studenten suchen. Da reicht es eben nicht aus, zum Abschluss einer Fachmesse für zwei Tage Schienenfahrzeuge fürs breite Publikum «aufzuschliessen». Aus solchen Informationsveranstaltungen aller Art sollten vielmehr dauerhafte Patenschaften entstehen.

Wie ist es bei Ihnen an der Hochschule? Wie schaffen Sie solche Kooperationen?
Prof. Thiel: Wir organisieren vielfältige Aktivitäten, um das Gespräch zwischen der Generationen der Studenten und den erfahrenen Fachleuten der Branche zu fördern und so frühzeitig Kontakte zu knüpfen. Damit hat sich schon mehrfach der berufliche Einstieg in unsere Branche ergeben. Alle meine Absolventen der letzten Jahre haben heute eine angemessene Beschäftigung. Der Übergang in Wirtschaft, Industrie, Politik und Verwaltung geschah dabei nicht erst mit der Aushändigung der Abschlusszeugnisse, sondern begann viel früher. So z. B. durch Praktika, betreute Studienleistungen und Stipendien. Unsere Professoren sprechen aber auch vor Schülern und Eltern und gewinnen sie für gemeinsame Projekte und Praktika. Damit gehen wir augenblicklich gegen den Fachkräftemangel an.

Ein Engpass sind auch die relativ wenigen Frauen, die eine Karriere in der Bahnbranche anstreben. Was kann da getan werden?
Prof. Thiel: Ganz einfach – indem Frauen mit Vorbild vorangehen. Ich halte nichts von Quotenregelungen, jedoch von gezielter Förderung. Ich kenne Frauen, die in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern der Logistik- und Bahnbranche tätig sind. Sich deren Vita als Vorbild zu nehmen, aus ihrem Leben zu berichten – das wäre eine gute Sache. Die Bahn- und Logistikbranche hat es aber auch selbst in der Hand – z. B. mit noch flexibleren Arbeitszeitregelungen und hauseigenen Kindertagesstätten – familien- und damit frauenfreundlicher zu sein.

Ein Kommentar zu “Interview: Mit Kooperationen den Fachkräftemangel bekämpfen

  1. Da stimme ich Professor Thiel vollkommen zu. Die Bahnbranche als attraktives Berufsfeld muss wieder ins Bewusstsein der Berufsanfänger gerückt werden. Und es muss schon bei den Schulangängern, die sich für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden, angesetzt werden.

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