Kombinierter Verkehr – nicht nur eine Frage der kritischen Distanz

Prof. Dr. Wolfgang Stölzle ist Ordinarius am Lehrstuhl für Logistikmanagement der Universität St. Gallen. In seinem Gastbeitrag stellt er ein paar kritische Fragen zur Zukunft des Kombinierten Verkehrs.

Im alpenquerenden Güterverkehr ist die Schiene in der Schweiz dank des unbegleiteten und begleiteten Kombinierten Verkehrs (KV) bereits Marktführer. Nun schwebt vielen Experten ein deutlich höherer Schienenanteil auch im reinen Binnenverkehr vor. Doch ist das der Weisheit letzter Schluss?

Wir reden innerhalb der Schweiz über bis zu 400 Kilometer lange Distanzen, häufig sind sie deutlich kürzer – etwa im „Flachland“ von St. Gallen via Zürich und Bern nach Genf oder Basel. Im Ausland beziffern KV-Spezialisten die kritische Transportdistanz, ab der sich der Kombinierte Verkehr lohnt, mit circa 500 Kilometer. In der Schweiz sind die verkehrspolitischen Randbedingungen jedoch so ausgeprägt, dass bereits deutlich kürzere Distanzen angeboten werden: Es grüssen das Nacht- und Wochenendfahrverbot für schwere Lastwagen, die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe oder auch die Abgeltungen für die KV-Akteure.

Fraglich ist, ob mit solchen Massnahmen die kritische Grenze so weit nach unten gedrückt werden kann, dass der KV auch im Bereich 100 bis 20 Kilometer kostenmässig akzeptabel unterwegs sein kann. Die zusätzlichen Kosten für die mindestens zwei notwendigen Umschlagsvorgänge vor und nach dem Schienentransport sollten Kostenvorteile auf der Schienenstrecke kompensieren. Zudem zeichnen sich bei einer Taktverkürzung des Personenverkehrs tagsüber Trassenengpässe ab, die durch die unterschiedlichen Geschwindigkeitsprofile von Güter- und Personenzügen noch verschärft werden. Und inwieweit passen längere Gesamtlaufzeiten in die Supply-Chain-Konzepte der Verlader?

Zunächst sollten deshalb Ganzzüge im Kombinierten Verkehr verkehren, die nachts über lange Distanzen laufen und deren Güter beschränkt zeitkritisch sind. Denn der KV im Binnenverkehr muss den Ansprüchen ökonomischer Rationalität auch auf der Kosten- und der Leistungsseite standhalten.

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