Totale Vernetzung? Die Logistik in der Digitalisierung

Was bedeutet Industrie 4.0 für die Logistik? Dieser Frage gingen Wissenschaftler und Unternehmensvertreter gemeinsam auf dem Zukunftskongress Logistik in Dortmund nach. Ergebnis: Der Branche stehen tiefgreifende Veränderungen ins Haus.

Kommt nach der industriellen und der digitalen Revolution bald auch eine logistische Revolution? Glaubt man den Referenten des Zukunftskongresses Logistik, der vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund veranstaltet wurde, ist das zumindest im Bereich des Möglichen. Auslöser könnte die fortschreitende Vernetzung in der Maschinenwelt sein, die in der Wissenschaft unter dem Schlagwort «Industrie 4.0» zusammengefasst wird.

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Internationale Warenschnittstelle Basel Rheinhafen

Digitaler Alltag im Transportmittel
Da auch Lkw, Schiffe, Bahnen und Flugzeuge nichts anderes als Maschinen sind, ist das Thema auch in der Logistik angekommen. Beispiele: Die Lkw-Hersteller testen autonomes Fahren ihrer Produkte, die Deutsche Bahn rüstet Lokomotiven mit Telematik nach, um ihr Reparaturmanagement zu verbessern. Und die Reeder denken über digitalisierte Schiffe und Computerprogramme nach, die optimale Routen auf See vorschlagen – ein Innovationsansatz, der den Kapitänen als alleinigen Herren an Bord die Zornesröte in das Gesicht treibt.

Selbststeuernde Logistik
Die Vision: Überall generieren Transportmaschinen und Lagertechnik Daten und kommunizieren diese über Computernetze und -Clouds an andere Maschinen. In letzter Instanz steuern sich die Logistikketten selbst. Bis dahin ist allerdings noch ein weiter Weg, wie Prof. Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer IML, einräumt.

«Mit Industrie 4.0, dem Internet der Dinge oder dem Cloud Computing stehen alle Basistechnogien bereit. Jetzt ist eine übergreifende Vernetzung von Menschen, Dingen und Diensten gefragt», fordert der Wissenschaftler.

Ten Hompel zeigte sich unzufrieden mit der Software, welche die IT-Industrie der Logistik für diese Aufgabe zur Verfügung steht. Dem will er jetzt selbst abhelfen: Das Fraunhofer IML gründet zusammen mit dem Schwester-institut ISST ein Fraunhofer Innovationszentrum für Logistik und IT (kurz: Filit). Hier soll Software entstehen, die der Logistik helfen soll, ihre grossen Vernetzungsaufgaben zu lösen.

Geschäftsmodelle im Wandel
Nicht jeden Akteur der Logistikkette wird die schöne neue Logistikwelt gefallen. «Das klassische Geschäftsmodell des Sofa-Spediteurs ist tot, wenn durch die Vernetzung die Märkte transparent werden», sagte Hansjörg Rodi, Chef der DB Schenker Deutschland AG.

Schenker will diesen Wandel mitgestalten. Die DB-Tochter plant gemeinsam mit Fraunhofer IML ein Labor, in dem Forscher und Praktiker die Digitali- sierung von Logistikprozessen vorantreiben wollen. Rodi forderte auch Industrie und Handel auf, hierbei mitzuwirken. So fortschrittlich diese Unternehmen sonst auch aufgestellt sind – bei der Versandabteilung sei oftmals Schluss mit der Innovationsfreude. Folge: Es wird weiter mit Papier gearbeitet, wo automatisierter Datentausch zu wesentlich besseren Ergebnissen führen würde.

Von Data über Wissen zur Information
Ein weiteres Problem der fortschreitenden Digitalisierung: Industrie 4.0 generiert eine Riesenmenge von Informationen, die nicht nur gespeichert, sondern auch gefiltert und ausgewertet werden müssen. Dazu ist eine gewaltige Rechnerleistung nötig, wie Frank Tinschert, Geschäftsfeldleiter Logistik beim Softwareunternehmen Quintiq betont: «Big Data bedeutet Big Calculation». Wenn sich die Entscheider nicht mehr in den Datenbergen zurechtfinden, scheitert Industrie 4.0. «Aus Daten muss Wissen und dann wirkliche Information werden», betont auch Hompel.

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