Windpark-Anlagen: Logistisches Wunder auf hoher See

In Deutschland boomen Windparkanlagen auf hoher See, und sie dürften schon bald einen beachtlichen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Kerstin Lange (37), Professorin an der Bremer Hochschule für Internationale Wirtschaft und Logistik, erklärt, was es beim Aufbau solcher Windkraftwerke zu beachten gilt. Und weshalb im Logistik-Studium die Praxis so wichtig ist.

Kerstin Lange

Seit letzten Herbst sind Sie Professorin für Logistik und Produktion in Bremen. Welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit mit den Studierenden?
Einen sehr guten. Das Spannende an meiner Professur an der Bremer Hochschule für Internationale Wirtschaft und Logistik (HIWL) ist, dass das Studium sehr praxisorientiert ist und die Studierenden zeitweise in Logistikunternehmen arbeiten müssen. Ich finde es schön, dass ich nicht wie an einer Uni 100 Studierende vor mir habe, von denen vielleicht die Hälfte gerade mal keine Lust hat. Die Gruppen von Studierenden sind viel kleiner, und diese sind mit Herz und Seele dabei. (lacht)

Die Praxis ist also notwendig – kann man Logistik nicht theoretisch lernen?
Es gibt viele theoretische Logistikstudiengänge an Hochschulen. Bei uns müssen sich die Studierenden sowohl neben der Hochschule auch bei einer Logistikfirma bewerben. Sie können erst mit dem Studium beginnen, wenn sie von beiden eine Zusage haben. Zudem gibt es einen kontinuierlichen Theorie-Praxis-Transfer. Die Studierenden lernen etwas, das sie dann gleich umsetzen können. In der Praxis wiederum ergeben sich gewisse Fragen, die sie in den Unterricht mitbringen. So profitiert auch die Hochschule. Wenn die Studierenden nach sechs Semestern ihren Bachelor haben, sind sie in der Regel so gut in der Firma integriert, dass sie ein Übernahmeangebot erhalten.

Ihr Spezialgebiet ist die Offshore-Windenergie-Logistik. Worum geht es? Welches sind die Herausforderungen?
Beim Aufbau eines Windparks im Meer ist die Logistik ein Schlüsselfaktor. Es gibt neben technischen und ingenieurwissenschaftlichen auch organisatorische Herausforderungen. In einem Forschungsprojekt mit meinen Kollegen am Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen haben wir ein Simulationsmodell entwickelt, um die Logistikprozesse abbilden zu können. Stellen Sie sich vor, Sie müssen auf hoher See 80 Windrotoren montieren. Ein Installationsschiff zu chartern kostet 250‘ 000 Euro – pro Tag! Immer wenn der Wind zu stark ist und die Wellen zu hoch, können die Schiffe nicht auslaufen. Da stellen sich Fragen, die sich an Land nicht ergeben, und die Antworten erfordern eine komplexe Logistik.

Wie ist es bei Sturm, müssen die Windrotoren dann abgeschaltet werden?
Bei einer Windstärke von 8 auf der Beaufort-Skala ist das nicht nötig, bei extremen Winden dagegen schon. Generell kann man sagen, dass wir bei der Installation von Windparks möglichst Windstille haben möchten, beim Betrieb dann aber einen starken, wenn auch nicht extremen Wind. Deshalb sagt man auf Englisch «offshore wind industry is a miracle». Wir wollen viel Wind haben, nur nicht, wenn wir die Anlagen gerade aufbauen.

Deutschland möchte ja aus der Atomenergie aussteigen. Welchen Anteil am Strommix verzeichnen die Offshore-Windparks?
Im letzten Jahr wurden 1,2 Mrd. Kilowattstunden auf See erzeugt. Bisher beträgt der Anteil weniger als einen Prozent an der Stromerzeugung. Das klingt nach wenig. Derzeit ist aber richtig viel los da draussen. Allein im letzten Jahr wurden 268 Anlagen offshore errichtet – das ist mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Anfänglich gab es gewisse Schwierigkeiten: Zunächst existierten nicht genug Schiffe, dann gab es Probleme mit der Anbindung ans Stromnetz. In den kommenden Jahren ist jetzt aber mit einem erheblichen Wachstum zu rechnen.

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