Der Entwickler

Am Gotthard entsteht Grossartiges: Ein Bahnnetz wird neu erfunden. Die komplexen Aufgaben werden von Peter Jedelhauser koordiniert. Er hält sozusagen ein Uhrwerk in Gang.

Die Sonne. Der Sand. Flimmernde Luft. Sind wir verloren in der Wüste? Und all das nur, weil Halil zu wenig Benzin in den Tank des Wüstenjeeps gefüllt hatte! Peter Jedelhauser, 56, schaut sein Gegenüber verschmitzt an, als er dieses Gleichnis für die Wichtigkeit eines jeden in einem Team erzählt. Seine Augen verraten es: Er sehnt sich mit einem Stück seines Herzens immer noch zurück in jene Zeit, die ihn als jungen Ingenieur in den Jemen brachte, wo ihn das Schicksal zum Baustellenleiter beförderte und ihn in die unangenehme Lage brachte, von Halil, seinem Fahrer, nur noch «Sir» genannt zu werden. «‹Ich bin immer noch derselbe›, habe ich ihm damals erklärt, du bist genauso wichtig wie ich.» Weil nur er ihn aus der Wüste zurückbringen könne.

Jedes Detail muss stimmen
Peter Jedelhauser erzählt die Anekdote aus seinem reichen Ingenieursleben, das ihn an vie­ le exotische Orte brachte, nicht einfach so. Unterwegs nach Bellinzona illustriert er damit sein Verständnis von Führung und Teamarbeit und beschreibt den Schlüssel zur Lösung des Gotthardproblems: Mit seiner Projektorganisation Nord-­Süd-­Achse Gotthard, kurz PONS, einem Team von Ingenieuren und anderen Fachleuten in den Divisionen komplettiert er den fertig gebauten Gotthardbasistunnel und den noch im Bau befindlichen Ceneri zu einem neuen Bahnnetz.

Für den Tunnelbau ist die SBB Tochter ATG zuständig. Er für das ganze System. «Und dabei müssen alle Menschen und ihre Fähigkeiten wie Zahnräder eines Uhrwerks ineinandergreifen.» Mit ihnen etwas entwickeln und nach Lösungen suchen, das findet Peter Jedelhauser faszinierend. Heute ist er unterwegs, um sich am Tor zum Tessin über den Stand der Bauarbeiten zu erkundigen. «Probleme ansprechen, Verbindlichkeit einfordern, klare Ziele vereinbaren», nennt er die Formel, die die Inbetriebnahme des Gotthardbasistunnels schon Ende 2016 erlaubt hat. Früher als geplant. «Dieses Ziel hat grosse Kräfte im Team freigesetzt», sagt er. Ohne seine Teilprojektleiter gehe nichts.

Die Schweiz stärken
Für den Erfolg tut Peter Jedelhauser alles. Sogar althergebrachte Projektorganisationen auflösen und bereichs-­ und divisionenübergreifende «Arbeitspakete» durchsetzen. Er schmunzelt. Man sieht in seinem Gesicht mit der funktionalen Brille den jungen Ingenieur, der leidenschaftlich für seine Bewässerungsprojekte kämpfte. Mit derselben Energie setzt er sich für das Gelingen des Gotthardprojektes ein, letztlich für die Stärkung der Schweiz auf der Nord-­Süd-­Achse.

Peter Jedelhauser 2
Peter Jedelhauser (rechts) auf der Baustelle in Biasca. Fotos: Claudio Bader

Damit dies gelingt, braucht es den Ceneri­-Basistunnel und den
4-­Meter-­Korridor – Jedel­hauser ist längst mit diesen nächsten grossen Meilensteinen des Nord-­Süd-­Projektes 2020 befasst, der damit verbindenden zeitlichen und räumlichen Ballung von Baustellen: «Letztere bergen das Risiko, Kundenerwartungen zu enttäuschen.» Nicht die einfache Lösung, sondern die für den Kunden beste Lösung fordert er ein. Schon im Ansatz sollen die Auswirkungen auf die Kunden mit einbezogen werden. «Wenn jemand bei der SBB eine Richtlinie zitiert, frage ich zurück: ‹Erklärst du das etwa so dem Kunden?›.»

Zuvor war der in Kaiseraugst AG aufgewachsene Peter Jedelhauser mehr als 20 Jahre in der Energiewirtschaft tätig, hatte an der ETH das Fach Eisenbahntechnik belegt, seine Faszination erst spät zum Beruf gemacht: Seit zehn Jahren ist er bei der SBB, längst sind die schlaflosen Nächte – «Kann ich das überhaupt?» – der Leidenschaft für das Nord-­Süd­-Projekt und seine Menschen gewichen. Wie ein Uhrmacher seine Uhr liebevoll pützelt, taktet er gegen Mittag an der Konferenz in der Betriebszentrale Bellinzona den Stand der Bauarbeiten; am Ende lehnt er entspannt an der Wand und sagt: «Das kommt gut.» Ein Satz, den er am Nachmittag bei der Besichtigung des im Rohbau stehenden neuen Erhaltungs­ und Interventionszentrums (EIZ) Biasca noch einmal wiederholen wird. Warum kommt es gut? «Weil ich den inneren Antrieb habe, niemals zu kapitulieren.»

So kümmert er sich um jedes Detail, bezieht alles mit ein.
«What-­if-­Denken» nennt er das. Er glaubt fest daran, dass er die Überführung des neuen Bahnsystems in den Regelbetrieb noch vor seiner Pensionierung erleben werde. Das Uhrwerk hält ihn in Gang, der Spass daran, gemeinsam ein Problem gelöst zu haben. Seine alte Leidenschaft, das Reisen in ferne Länder, hat er jüngst wieder entdeckt. Wandern in Oman. Die Wüste hat ihn nicht verschluckt. Er war halt gut vorbereitet.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Sondernummer vom März 2015 des SBB Mitarbeitenden-Magazins «Unterwegs».

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