Europäische Schienenverkehrskorridore: Reisebüro für Güter

Zwei neue Korridore für den Schienengüterverkehr wurden kürzlich offiziell eröffnet: Der eine verbindet die Nordseehäfen mit Mitteleuropa und den baltischen Staaten. Der andere erstreckt sich von Finnland bis nach Palermo. Mit den Korridoren sollen Hürden zwischen den Staaten abgebaut werden.

Achse_Helsinki-Valletta
Der Güterverkehrskorridor 3 reicht von Skandinavien bis zum Mittelmeer.

Gerade auf langen Strecken bietet sich der Güterverkehr auf der Schiene als umweltfreundliche Alternative zum Lastwagen an. Doch Unterschiede in den verschiedenen Ländern – wie Sprachbefehle, Signale oder Technik – machten bisher den Transport über nationale Grenzen hinweg schwierig. Um diese Hürden abzubauen, hat die EU insgesamt neun Verkehrskorridore zur Förderung des Schienengüterverkehrs ins Leben gerufen, die bis 2030 als Kernnetz im kombinierten Verkehr Europa umspannen sollen. Dabei handelt es sich nicht um den Bau neuer Infrastruktur, sondern um die Vereinheitlichung und Anpassung der nationalen Bestimmungen, die einen ungehinderten Güterverkehr auf den Trassen ermöglichen.

Jeder der neun Korridore wird von einem One-Stop-Shop (OSS) betreut. Bei diesen zentralen Anlaufstellen kann ein Eisenbahn- oder Industrieunternehmen seinen Transport auf einem der Korridore anmelden und wie im Reisebüro die Route buchen, auf der dann sein Zug ohne Rücksicht auf Grenzen kreuz und quer durch Europa fahren kann. Der OSS nimmt Bestellungen von Schienenkapazitäten (Trassen) für die Transporte auf, weist sie zu und hilft beim Erlangen der nötigen Verkehrsgenehmigungen und erforderlichen Unterlagen.

Seit wenigen Wochen können Eisenbahnverkehrsunternehmen in diesem Rahmen zwei neue Routen nutzen: Der Korridor 3 «Scandinavian-Mediterranean» verläuft als weitere wichtige Nord-Süd-Achse von Italien durch Österreich und Deutschland bis nach Skandinavien. Noch zu realisierende Infrastruktur-Grossprojekte wie die Fehmarnbelt-Querung und der Brenner-Basistunnel sind Bestandteil dieser wichtigen über 7000 Kilometer langen Strecke. Als bedeutende Ost-West-Route verbindet ausserdem seit Anfang November der über 6000 Kilometer lange Korridor 8 «North Sea-Baltic» die wichtigsten Nordseehäfen (Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen) mit Mitteleuropa und den baltischen Staaten. Bis 2020 soll der Korridor etappenweise zur Polnisch-Ukrainischen Grenze und im Rahmen des Grossprojekts «Rail Baltica» gar nach Estland und Lettland verlängert werden.

Bereits seit 2013 ist der Korridor 1 «Rhine-Alpine» in Betrieb und verbindet die Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen über die Schweiz mit Genua – inklusive Verbindungen zu den wichtigsten Ost-West-Achsen. Diesem Korridor, der auch durch die Schweiz führt, wurden im Jahr 2014 allein 9,2 Millionen Trassenkilometer zugewiesen. Mit der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels im Dezember 2016 wird auch der «Rhine-Alpine»-Korridor weiter ausgebaut.

«Ein interoperables und international verwaltetes Eisenbahnsystem ist der Schlüssel für weiteres Wachstum in Europa», betont Michail Stahlhut, CEO der SBB Cargo International AG, dem führenden Eisenbahnverkehrsunternehmen auf der wichtigsten Nord-Süd-Achse in Europa. Der erste grosse Schritt zur Flachbahn durch die Alpen werde ab 2020 auf dem Korridor bis zu 20 Prozent Volumensteigerung ermöglichen. «Voraussetzung ist aber, dass auch in den angrenzenden Ländern Deutschland und Italien die notwendigen Zulaufstrecken weiter ausgebaut werden», mahnt Stahlhut.

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