«Schweizer Firmen müssen noch mehr auf Qualität setzen»

Mathias Binswanger (53) ist Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz und prominenter Sachbuchautor. Was sagt er zu den Problemen der Schweizer Wirtschaft infolge des starken Frankens? Auftakt zu einer kleinen Serie zum Thema.

Mathias Binswanger

Im Januar 2015 hat die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken aufgegeben. Wie beurteilen Sie den Entscheid ein Jahr danach?
Ich denke, er wurde unglücklich vollzogen: Kurz zuvor hatte die Schweizerische Nationalbank noch gesagt, sie halte am Euro-Mindestkurs fest. Wenn man den Aussagen der Nationalbank nicht mehr trauen kann, wird es problematisch. Materiell hat die Aufhebung des Mindestkurses in gewissen Branchen sicher für Probleme gesorgt. Diese existierten aber bereits vorher, sie haben sich einfach noch verschärft.

Sehr viele Stellen wurden seither in der Schweiz gestrichen – und ins Ausland verlagert. Wird der Prozess in diesem Jahr weitergehen?
Ja, ich gehe davon aus. Der Prozess hat sich einfach noch beschleunigt. Auch ohne Aufhebung des Mindestkurses wäre die Schweiz ein relativ teures Pflaster.

Ist eine eigentliche Deindustrialisierung der Schweiz im Gang?
Man muss das differenziert sehen. Wenn wir entlang von Wertschöpfungsketten von Produkten denken, kann man Folgendes beobachten: Der Beginn der Wertschöpfungskette, Forschung und Entwicklung, sind häufig in der Schweiz angesiedelt. Der Prozess der Herstellung und der Produktion findet vermehrt im Ausland statt. Das Ende der Wertschöpfungskette wie die Vermarktung und das Marketing sind wiederum grossteils in der Schweiz. Es ist vor allem also der Produktionsvorgang selbst, der ausgelagert wird.

Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Logistik-Branche in der Schweiz?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen: Zwar werden weniger Produkte in der Schweiz hergestellt, der Transportverkehr zwischen In- und Ausland nimmt aber zu. Man kann aber festhalten, dass die Bereiche der Wertschöpfungskette, die in der Schweiz bleiben, wertschöpfungsintensiv sind – mit ihnen kann man also viel Geld verdienen. Mit Bereichen, die verlagert werden, wie die Produktion, kann man dagegen weniger Geld verdienen – wenn man es vom Bruttoinlandprodukt her betrachtet.

Kürzlich ist Ihr neues Buch «Geld aus dem Nichts» erschienen. Geht es da auch um diese Fragen?
Teilweise, ja. Es geht aber vor allem um die Geldpolitik und die Möglichkeit der Banken, Geld zu schaffen. Wir befinden uns ja in einer ganz speziellen Situation. Seit der letzten Finanzkrise 2008 wurden die Zinsen praktisch auf null gesetzt, es gibt sogar Negativzinsen.

Die Schweizer Exportwirtschaft hat unter der Aufhebung des Mindestkurses vor einem Jahr gelitten, welchen Ausweg sehen Sie?
Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig die Exportwirtschaft insgesamt gelitten hat. Das liegt im Wesentlichen an der Pharmazeutischen Industrie aber auch an Branchen wie der Uhrenindustrie. In diesen Branchen ist auch die Nachfrageelastizität höher, das heisst, es spielt weniger eine Rolle, wenn die Preise steigen: Ein Medikament, das es nur in der Schweiz gibt, das kauft man auch, wenn es etwas teurer wird. In andern Branchen wie der Lebensmittelindustrie und der Maschinenindustrie sind Produkte einfacher ersetzbar. Dies ist auch beim Tourismus der Fall – man muss ja nicht zwingend Ferien in der Schweiz machen.

Was können die betroffenen Branchen tun?
Wichtig ist es, noch mehr auf Qualität und auf Spezialität zu fokussieren. Mit Massenprodukten kann man hingegen kaum noch Geld verdienen.

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