Starker Franken treibt Konsumenten ins Ausland

Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für knapp elf Milliarden Franken in den Nachbarländern eingekauft. Der Detailhandel hat dadurch ein Zehntel seines Umsatzes verloren. Doch für 2016 sind die Prognosen verhalten optimistisch. Teil drei der Serie zum starken Franken.

Detailhandel

Bisher kennt man komplett verwaiste Einkaufszentren nur aus den USA. Dort widmet sich sogar eine eigene Website den «Dead Malls». Doch nun gibt es ein solches Geister-Center auch in der Schweiz. Das erst vor fünf Jahren eröffnete Centro Ovale in Chiasso im Kanton Tessin steht mittlerweile fast völlig leer, bis auf einen Coiffeur sind sämtliche anderen Mieter ausgezogen. In der Shopping Mall, die wegen ihres aussergewöhnlichen Gebäudes auch «Silbernes Ei» genannt wird, waren über 30 Detailhändler auf knapp 9000 m² untergebracht, die meisten aus dem Mode-Bereich.

Neben dieser sehr einseitigen Angebotsstruktur sehen Experten die Ursache für den Misserfolg des Centers vor allem in der Frankenstärke, die immer mehr Schweizer seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar letztes Jahres zu ausgedehnten Shopping-Ausflügen ins benachbarte Ausland führt. Die Non Food-Anbieter, allen voran Drogerie- und Modeketten, sind besonders von diesem Einkaufstourismus betroffen, da diese Produkte im Ausland zwischen 20 und 50 Prozent günstiger sind.

Laut der Studie «Retail Outlook 2016» der Credit Suisse war 2015 für den Schweizer Detailhandel ein äussert schwieriges Jahr. Mit der Aufhebung der Euro-Untergrenze nahmen die Auslandeinkäufe der Bevölkerung gegenüber 2014 erneut deutlich zu: Sie erhöhten sich um schätzungsweise 8 Prozent auf annähernd 11 Milliarden Franken. Das sind über 10 Prozent des gesamten Umsatzes des Schweizer Detailhandels. Am stärksten zugenommen haben die Shoppingtouren nach Deutschland. Angestiegen sind laut der Studie aber auch die Auslandeinkäufe via Internet.

Mit dem starken Wachstum von Einkaufstourismus und Onlinehandel mussten sich die Schweizer Detailhändler bereits in den letzten Jahren dem Wettbewerbsdruck durch ausländische Anbieter und somit internationalen Preisvergleichen stellen. Dennoch fliesst nach wie vor ein Grossteil der Schweizer Haushaltsausgaben an Schweizer Detail- und Grosshändler oder Produzenten: Bei den Lebensmitteln sind es 79 Prozent, bei Textilien und Bekleidung 57 Prozent sowie bei den Möbeln 78 Prozent, wie der Retail Outlook ergab.

Für 2016 erwarten die Ökonomen der Credit Suisse im Detailhandel insgesamt eine leichte Entspannung. Der Eurokurs dürfte nach ihrer Einschätzung aufgrund der Negativzinsen und sporadischen Fremdwährungskäufen der Schweizerischen Nationalbank bei rund 1,10 verharren. Gemäss der Studie stabilisiert sich der Einkaufstourismus deshalb voraussichtlich auf dem hohen Niveau von 2015.

Auch eine Umfrage des Beratungsunternehmens Fuhrer & Hotz bestätigt diesen Trend: Von den über 200 befragten Händlern und Herstellern budgetieren 53 Prozent für 2016 höhere Umsätze als im Vorjahr. Als Ursache für diese Entwicklung wird das Bevölkerungswachstum und die steigende Ausgabefreudigkeit der Konsumenten in der Schweiz gesehen. Dabei sind die Unternehmen aus dem Lebensmittel-Segment etwas optimistischer als jene aus den anderen Bereichen. Sogar die Betreiber des Centro Ovale in Chiasso glauben wieder an die Zukunft: Sie wollen das Einkaufszentrum neu im Luxusbereich positionieren und im Herbst 2016 wiedereröffnen.

Teil 1: Interview mit Mathias Binswanger
Teil 2: Probleme in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie

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