Leben im Fels

Festungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlöchern die Schweizer Alpen. Vom Militär ausgemustert, werden sie heute für verschiedenste Zwecke genutzt. So entstand aus einem unwirtlichen Bunker im Gotthard eines der schönsten Hotels Europas.

In der weiten Natur des Gotthardgebirges, kurz nach der Grenze von Uri ins Tessin, führt ein kleiner Weg zu einem ganz besonderen Hotel. Am Ende des Wegs angekommen, steht man vor einer grossen Steinmauer und einem darin eingelassenen roten Tor: Der Eingang zum La Claustra.

Durch das Tor geht es hinein in den Berg: Man steigt durch lange Gänge, vorbei an schweren Stahltüren und erreicht dann endlich die Empfangshalle des Hotels. Die Dunkelheit, die Kälte und das stete Tropfen können bei Besuchern schon eine leichte Beklemmung auslösen. «Hier im Innern des Gotthards zu leben, wenn auch nur kurz, das ist etwas Aussergewöhnliches», bestätigt Rainer Geissmann, Besitzer und Betreiber des unterirdischen Hotels, die Gefühle der Besucher.

Doch wie kam es dazu, dass er im ehemaligen Gotthardbunker, der Festung San Carlo, Gäste empfängt? Kurz gesagt: Über die Demilitarisierung des Gotthards und ein Kunstprojekt. Das Artilleriewerk ist ein Überbleibsel aus der Schweizer Reduitzeit, welche die Eidgenossenschaft seit dem 18. Jahrhundert plante und vor dem zweiten Weltkrieg in die Realität umsetzte. Das Schweizer Militär erbaute das Artilleriewerk in der Gemeinde Airolo zwischen 1938 und 1942 als Reaktion auf die Bedrohungslage aus dem Ausland. Mit dem Ende des Kalten Krieges entspannte sich die Situation in Europa, das Militär räumte die Verteidigungsanlagen, und viele von ihnen wurden abgebaut.

Modernes Kloster
Nicht so das Artilleriewerk San Carlo: Es wurde 1999 vom Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) an die Stiftung La Claustra übergeben. Stiftungsleiter Jean Odermatt, ein Künstler und Philosoph, wollte San Carlo zugänglich machen und «in ein Kommunikationszentrum im Sinne eines nachmodernen Klosters umwandeln». Aus der ehemaligen Festung sollte ein Ort der Reflexion werden. Der Umbau des Bunkers in ein stilvolles Seminarhotel nahm ganze vier Jahre in Anspruch: Das Militär räumte 250 Tonnen Material aus, der Künstler musste Abklärungen zur Abwasseraufbereitung treffen und diverse Umbauarbeiten vornehmen, wie die Installation von Stahl-Glas-Boxen.
La Claustra Hotel

Der Betrieb in der dünnen Höhenluft auf 2050 m. ü. M. erwies sich allerdings als schwierig. Bedingt durch die schneereiche Wintersaison auf dem Gotthardpass ist er nur von Mai bis Ende Oktober möglich. Zudem standen lediglich 30 Betten in 17 Zimmern zur Verfügung, was eine gewinnbringende Auslastung erschwerte. Das blieb nicht ohne Folgen: 2010 ging die Stiftung La Claustra in Konkurs, und das Hotel musste zwei Jahre später zwangsversteigert werden. Längst hatte aber schon ein neuer Interessent sein Auge auf das Hotel geworfen: Rainer Geissmann. «Mich reizte vor allem die Herausforderung, ein so aussergewöhnliches Hotel zum Erfolg zu führen», sagt der aktuelle Besitzer und Betreiber von La Claustra.

Gotthard-Feeling
Tatsächlich machte Geissmann die Eigenheiten des Hotels zu dessen Stärken. Tief im Fels und ohne Tageslicht stellt sich bei den Gästen rasch ein Gefühl der Zeitlosigkeit ein. Die gekappte Verbindung zur Aussenwelt verhindert, dass Besucher alle fünf Minute ihre Mails checken und ermöglicht so die Konzentration auf Diskussionen vor Ort. Das stete Wasserrieseln bei Lufttemperaturen von 14°C macht den Aufenthalt im Vier-Sterne-Hotel noch aussergewöhnlicher. Eher aussergewöhnlich ist auch die Logistik von La Claustra.

Wie in früheren Zeiten muss geschleppt und Hand angelegt werden. In einem Hotel mit einer Fläche von rund 5000 Quadratmetern legen Geissmann und sein Mitarbeiter schnell einmal zwanzig Kilometer pro Tag zurück. Dafür wird beim Einkauf auf möglichst kurze Wege geachtet: Um seine Gäste zu verwöhnen, setzt der Hotelier auf lokale Spezialitäten und bezieht Waren, wenn immer möglich, von regionalen Produzenten. «Einmal pro Woche kaufen wir ein, falls es frisches Gemüse braucht, fahren wir noch nach Airolo oder Andermatt», erklärt Geissmann. Im Winter sind immer Notrationen für zwei Monate und vier Personen gebunkert – die 4000 Flaschen im Weinkeller würden zusätzlich beruhigen, so der Hotelier.

Aufgrund der abgeschiedenen Lage müssen die Betreiber für La Claustra auch für alle Eventualitäten gewappnet sein. Sämtliche Ersatzteile sind auf Lager, jede Maschine doppelt  vorhanden, um bei einem Ausfall ausgetauscht werden zu können. Täglich sind etwa zwei Stunden Unterhaltsarbeiten notwendig und in den drei Jahren Betrieb hat Geissmann alles gelernt, was notwendig ist. Als 2014 die Militärleitung für das Internet nicht mehr funktionierte und der Kontakt zur Aussenwelt komplett abgeschnitten war, machte der Hotelier aus der Not eine Tugend: Die Gäste erhielten hoteleigene Postkarten und überreichten diese täglich dem Kutscher der Gotthardpost.

Dank solchen Improvisationen wird die Übernachtung im Bunker zu einem angenehmen Erlebnis – so angenehm, wie es im Innern eines Berges eben möglich ist.

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