Bernd Vienna, ein Südtiroler auf der Gotthardachse

Der Lokführer der Firma Crossrail denkt nicht, dass es ihm bei der Fahrt durch den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel langweilig wird. Er ist inzwischen auch als Ausbildner tätig.

Als der Südtiroler Bernd Vienna (42) im Jahr 2007 in die Schweiz kam, besuchte er zunächst Grindelwald, wo er sich von Eiger, Mönch und Jungfrau beeindrucken liess. Den Gotthard kannte er noch nicht. In die Schweiz, die er zuvor nie besucht hatte, zog es den Lokführer von Trenitalia aus privaten Gründen. «Auszuwandern, war der beste Entscheid meines Lebens», blickt er heute zurück.

In Bozen, seinem Depot, habe man ihn gewarnt, er mache einen Fehler, gebe bei Trenitalia eine sichere Stelle mit Aufstiegsmöglichkeiten und einer guten Pension auf. Doch ein Jahr später sei die Wirtschaftskrise ausgebrochen, die vieles in Frage stellte. In der Schweiz, wo er sich mit seiner Partnerin zunächst in Zürich niederliess, hat er sich vom ersten Tag an wohlgefühlt. Er entdeckte, dass die Eidgenossen mit den Südtirolern mehr als nur die Sprache verbindet. «Wir ticken sehr ähnlich», stellt er fest.

Bald fand er eine Anstellung bei der Firma Crossrail. War er vorher mit Personenzügen zwischen dem Brenner und Verona, zwischen Triest, Venedig und Mailand «rumgfohre», so bewegte er nun Güterzüge im Transit von Basel über den Gotthard oder den Lötschberg nach Chiasso, Luino oder Domodossola. Nun lernte er den Gotthard mit all seinen Schönheiten kennen, aber auch mit den Herausforderungen, die er für Cargo-Lokführer bereithält. «Es ist die anspruchsvollste Strecke, die ich kenne», sagt er. Fast wie Bergsteiger würden die Lokführer mit ihren schweren Zügen die steilen Rampen bezwingen. Das sei nie langweilig und verschaffe nach getaner Arbeit auch Befriedigung. Was er am Schweizer Bahnverkehr besonders schätzt: Pannen sind hier selten, die Züge verkehren pünktlich, das System funktioniert.

Dass es ihm bei der Fahrt durch den flachen Basistunnel in Zukunft langweilig wird, glaubt Bernd Vienna nicht. Nun sei es der Reiz der Technologie, der die Arbeit interessant mache. Mit der Führerstandsignalisierung konzentriere man sich aufs Display und werde von einem System geleitet, das jedes Fehlverhalten gleich korrigiere. Die Tätigkeit entwickle sich dadurch vom eigentlichen Fahren hin zur Systemüberwachung. Überhaupt sei sein Beruf keine blosse Routinearbeit. «Ein guter Lokführer beginnt jeden Tag so, als wäre es der erste.» Dann sei er aufmerksam, auf alle Eventualitäten vorbereitet und während der Fahrt ruhiger.

Bernd Vienna ist bei seinem Arbeitgeber seit 2010 auch in der Ausbildung tätig. Er betreut Lokführer des Personenverkehrs, die sich auf das Führen von Güterzügen umschulen. Für das Projekt Gotthard-Basistunnel war er als Vertreter von Crossrail beim Erarbeiten der Ausbildungslehrgänge mit dabei.

Inzwischen bildet er auf dieser Basis Lokführer und andere Bahnangestellte weiter, die den Tunnel befahren werden und mit dem anspruchsvollen Bauwerk vertraut sein müssen. Dabei kommt ihm seine perfekte Zweisprachigkeit in Deutsch und Italienisch zustatten, den beiden am Gotthard massgeblichen Sprachen. Das gleiche gilt für seine Tätigkeit als Prüfungsexperte fürs Bundesamt für Verkehr (BAV). Weil er auch die Fachsprachen beherrscht, kann er die Prüfungen in Deutsch und Italienisch abnehmen: «Für mich muss es immer weitergehen.» Trotzdem ist er, wenn er Zeit findet, am liebsten selber draussen am Fahren.

Teil 1: Marcelino Mantilla

 

Zwei Bücher zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels

Kein Zweifel, die Schweiz schreibt einmal mehr Geschichte am Gotthard. Ein Buch zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels erzählt die Geschichten von 57 Menschen mit Bezug zum Jahrhundertbauwerk. Das hier veröffentlichte Porträt stammt aus diesem Buch.

Es heisst «57 Menschen – 57 Geschichten. Jahrhundertbauwerk Gotthard-Basistunnel» und ist ab Anfang Juni 2016 im SBB Online Shop, an ausgewählten Verkaufsstellen der SBB und im Handel erhältlich. Weiterhin wird es einen Sonderverkauf am Publikumsanlass vom 4. und 5. Juni 2016 geben.

Die 57 Porträts wurden vom renommierten Schweizer Fotografen Markus Bühler-Rasom fotografiert und von einem hochkarätigen Autorenteam geschrieben (Preis ca. 48 Franken).

Für die ganze Familie geeignet ist das Bilderbuch «Durch den Gotthard – Bau und Betrieb des Gotthard-Basistunnel» von Konrad Beck, erschienen im Atlantis-Verlag. Auf unterhaltsame Weise vermittelt es eine Fülle von Informationen rund um das Jahrhundertbauwerk.

Bunte Wimmelbilder prägen das Buch, das für Kinder ab 7 Jahren empfohlen wird. Illustratorischer Höhepunkt ist ein vier Seiten breites, ausklappbares Panoramabild. Dazu kommen Sach- und Hintergrundinformationen (Preis ca. 25 Franken).

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