Fragile Fracht aus Kalabrien.

Jedes Jahr produziert und liefert die Glasi Hergiswil 20 000 Christbaumkugeln und 30 000 Sterne, Glocken, Christbaumspitzen und Eiszapfen. Rund die Hälfte der Produkte kaufen die Kunden direkt in den zwei Läden in Hergiswil. Ein Einblick in die Glasfertigung.

Nur ein paar Minuten hat der Glasbläser Zeit, um den kleinen, leuchtend orangen Ball aus flüssigem Glas zu bearbeiten. Immer wieder bläst er kurz in die lange Glasmacherpfeife, damit die Kugel grösser wird. Das Material ist jetzt 1500 Grad Celsius heiss. Bevor es abkühlt, drückt es der Glasbläser in eine Form aus Gusseisen und bläst weiter, um es in die Form des Windlichts zu bringen. Das flüssige Glas stammt aus einem gigantischen Ofen, der 24 Stunden am Tag brennt. Dabei wird er so stark beansprucht, dass er alle sechs bis sieben Jahre ausgewechselt werden muss. Dass in der Schweiz überhaupt noch Glas geblasen wird, ist nicht selbstverständlich. «Den Beruf des Glasbläsers kann man in der Schweiz nicht mehr lernen», sagt «Glasi»-Geschäftsführer Robert Niederer, der nach dem kaufmännischen Beruf noch eine Glasbläserlehre absolviert hat. Heute ist er für die Geschäftsführung der letzten Glashütte der Schweiz verantwortlich, die dieses Jahr ihr 200-Jahr-Jubiläum feiert. Der Vater des heutigen Geschäftsführers, der inzwischen verstorbene Roberto Niederer, wagte 1975 einen Neuanfang mit dem Tradi­tionsbetrieb. Er bewahrte die «Glasi» vor dem wirtschaftlichen Aus, setzte wieder das Handwerk ins Zentrum und bildete eine Zeitlang sogar Lehrlinge aus.

Ein- bis zweimal im Jahr setzt sich Niederer mit seinem italienischen Cousin in der kleinen Werkstatt zusammen, um gemeinsam neue Ideen und Entwürfe zu entwickeln. Dieses Jahr sind dies beispielsweise Christbaumkugeln mit aufgestreuten Schneeflocken aus winzigen weissen Glassplittern. Bevor sie im Verkaufsshop in Hergiswil eintreffen, legen die fragilen Kugeln einen langen Transportweg zurück. Denn alle filigranen Glaswaren wie der Christbaumschmuck werden am Fabrikationsstandort in Kalabrien von den italienischen Mitarbeitern aus der Gegend gefertigt, aus der Robert Niederers Grossmutter stammt.

Robert Niederer im ersten Glaslabyrinth der Schweiz, das in Hergiswil für die Besucher der Glasi errichtet wurde.

Obwohl die hauchdünnen Kugeln weniger als einen Millimeter dick sind, gehen auf den Lastwagentransporten in die Schweiz so gut wie keine Kugeln zu Bruch. Jedes einzelne Exemplar ist gut geschützt durch die kleine Kartonschachtel, in der es später verkauft wird. Die in Hergiswil produzierten Weingläser, Karaffen, Teller oder Dekoengel werden ebenfalls sorgfältig in schlichte Schachteln gepackt, zusätzlich umgeben von schützenden Holzkisten, dann auf Paletten gestapelt. Per Lastwagen gelangen die zerbrechlichen Produkte zu den verschiedenen Verkaufspunkten in der ganzen Schweiz. Seit Kurzem verwendet die Glasi Hergiswil biologisch abbaubare Chips als Füllmaterial.

Rund die Hälfte aller Produkte werden direkt in Hergiswil gekauft.

Christbaumschmuck macht rund zehn Prozent des Umsatzes aus: Jedes Jahr produziert und liefert die Glasi 20 000 Christbaumkugeln und 30 000 Sterne, Glocken, Christbaumspitzen und Eiszapfen. Rund die Hälfte der Produkte kaufen die Kunden direkt in den zwei Läden in Hergiswil. Jedes Jahr besuchen 100 000 Personen die traditionelle Produktionsstätte, verfolgen von der Zuschauergalerie aus, wie die Handwerker das flüssige Glas bearbeiten und besuchen das Glas­labyrinth oder das Glasmuseum.

Sorgfältig legt der Glasbläser das handgefertigte Windlicht in den Auskühlungsofen, wo es während der nächsten sieben bis acht Stunden allmählich von über 1000 Grad auf Zimmertemperatur abkühlt. Dies muss langsam geschehen, damit sich keine Spannung im Glas aufbaut und es nicht zerspringt. Am Werkstoff Glas fasziniert Robert Niederer, dass man ihn immer wieder verwenden kann und dass die technischen Verarbeitungstechniken beinahe unerschöpflich sind. Auch wenn seine Produkte es preislich nicht mit Glaswaren aus dem Grossverteiler aufnehmen können, ist er zuversichtlich: «Unsere Kunden schätzen, dass sie handgearbeitete Produkte erhalten.»

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