Von der Quelle ins Regal.

Damit Mineralwasser, Schokolade oder Müesli in den schweizweit über 600 Migros-Filialen immer vorhanden sind, braucht es eine ausgeklügelte Logistik. Zentral dabei ist das Migros-Verteilzentrum in Suhr, von dem aus die Versorgung mit Lebensmitteln erfolgt. Ein Werkbesuch in einem der modernsten Logistikzentren des Landes.

Von einer Passerelle, die zum Migros-Verteilzentrum führt, sieht man auf Dutzende von Lastwagen, die beladen werden. Darunter zahlreiche LKW der Migros, aber auch von anderen Schweizer Transporteuren. Es ist Montagmorgen, zum Wochenstart wollen über 600 Migros-Filialen und 300 Migrolino-Shops in der Schweiz mit Waren beliefert werden.

Für Mineralwasser auf die Bahn.

Über viele Treppen und Gänge schreitet Luigi Di Raimondo, Prozessleiter Betrieb, zum Wareneingang. Hier gibt es bloss 10 Tore für Lastwagen, nicht 40 wie beim Ausgang. Der Grund: Das Migros-Verteilzentrum wickelt fast 50 Prozent seiner Beschaffungstransporte per Bahn ab – vorzugsweise für lange Distanzen und grosse Mengen. Ein typisches Beispiel dafür ist Mineralwasser aus Aproz, das zu über 90 Prozent per Bahn ausgeliefert wird. Aber auch beim Warenausgang des Migros-Verteilzentrums spielt die Bahn eine bedeutende Rolle, wie sich beim Rundgang noch zeigt.

Das Logistikzentrum liegt an der A1 – und verfügt wie viele Migros-Industrie­betriebe über einen eigenen Bahnanschluss. In Suhr sind das zwei Geleise, eines für den Eingang der Waren, eines für den Ausgang. Pro Tag werden laut Di Raimondo 70 bis 80 Bahnwagen entladen, gerade ist ein Zug mit acht Wagen an der Reihe. Paletten mit Zucker aus der Schweizer Zuckerfabrik stehen auf der Rampe. In einem Seecontainer, der auf einem Bahnwagen steht, ist gar noch Handarbeit gefragt. Das ist in der hochmodernen Logistikanlage, die weitgehend automatisiert ist, ein seltener Anblick: Ein Mann beigt Kartonschachteln mit Ananasbüchsen auf eine Palette.

Inzwischen ist Thomas Maurer in oranger Weste und Helm eingetroffen, der operative Rangierleiter vom regionalen Team von SBB Cargo in Suhr. Am Nachmittag erwartet er einen Zug mit Aproz-Mineralwasser. Pro Woche treffen in Suhr 40 Bahnwagen aus dem Wallis ein, beladen mit Aproz, Aquella, Softdrinks und Sirup. 1961 haben Migros und die SBB eigens eine Brücke über die Rhone gebaut, um den Bahntransport zu ermöglichen.

Von den 15 Personen, die für das re­gionale Cargo-Team in Suhr arbeiten, kümmern sich sechs ausschliesslich um das Migros-Verteilzentrum

sagt er. Die Migros-Gruppe ist für SBB Cargo schweiz­weit mit Abstand der wichtigste Kunde, pro Jahr bewegt die Bahn für das orange Detailhandelsunternehmen eine Gesamtfracht von über einer Million Tonnen. Die Versorgung mit Nonfoodartikeln und Tiefkühlprodukten erfolgt über den Migros-Verteilbetrieb in Neuendorf. Mit gelben Staplern transportieren Migros-Mitarbeitende die Paletten zu Identifikationspunkten beim Wareneingang. Dort prüfen sie die Produktestammdaten und gleichen sie mit der Datenbank der Migros ab. Zudem kontrollieren sie die Konturen und das Gewicht sowie die Beschaffenheit der Paletten elektronisch. Anschliessend werden sie mehrheitlich per Förderband weitergeleitet.

Sechs Silos als Zwischenlager.

Wird die Ware nicht sofort ausgeliefert, gelangt sie ins Hochregallager. Mineral­wasser etwa wird mehrheitlich zwischengelagert – teilweise als Vollpalette, teil­weise als einzelne folierte Sixpacks auf Trays. Sechs dieser riesigen Silos gibt es, mit verschiedenen Temperaturzonen. Palette um Palette stapelt sich hinter einem Metallgitter in einem Raum von 33 Meter Höhe, die Decke ist kaum zu erkennen. Ein Lift, der in hoher Geschwindigkeit rauf- und runterbraust, bringt die Paletten an ihren Platz. Alles läuft vollautomatisch, Menschen braucht es einzig für Reinigung und Wartung. An der Wand neben dem Eingang hängen Tragseilgurte, wie sie Kletterer benutzen. Das Personal steigt damit in schwindelnde Höhen.

«Hygiene in diesen Vorratslagern ist sehr wichtig, damit sich kein Ungeziefer ausbreitet», sagt Di Raimondo. Hier wird klar, weshalb beim Wareneingang grosser Wert auf eine stabile Beladung der Paletten gelegt wird: Wenn eine Ladung Tomatensauce aus grosser Höhe auf den Boden fällt, verschmutzt dies die ganze Anlage und beschädigt sie sogar. Die einzelnen Lagerräume sind mit Brandmauern getrennt, die Waren werden gemischt auf­bewahrt. «So ist gewährleistet, dass bei einem Feuer in einem Lager ein Vorrat aller Artikel vorhanden bleibt.» Insgesamt bieten sie Platz für 100 000 Paletten.

Kernaufgabe des Verteilzentrums in Suhr ist es, die gelagerten Warenstapel auf den Paletten nach Bestelleingang zu öffnen und den einzelnen Filialen zu kommissionieren: also neu auf Paletten zu verteilen und für den Weitertransportbereitzustellen. Dies geschieht seit 2011 vollautomatisch.

Berechnen und bestellen, wenn andere schlafen.

Eine Depalettierungsanlage entfernt zunächst die umhüllende Plastikfolie, dann lädt sie Schicht für Schicht automatisch ab. Jede Verkaufseinheit stellt sie auf ein grünes Tablar und dreht sie wenn nötig. Von dort kommt sie in ein Zwischenlager, bevor sie durch eine sogenannte Order-Picking-Maschine wieder auf eine Palette gepackt wird. Dies ist das Herzstück der Anlage: Über ein Förderband kommen die Produkte in der richtigen Reihenfolge auf eine Maschine, ein Schieber stösst sie auf die Palette: Kaffee, Penne Rigate und ein Sixpack Mineralwasser sind zu erkennen. «Das Computerprogramm berücksichtigt dabei die Stabilität der Ladung, das Gewicht und sorgt für eine möglichst dichte Bepackung», sagt Di Raimondo.

Die Berechnung der Ladung für die einzelnen Paletten erfolgt jeweils über Nacht mittels Hochleistungsrechnern, erklärt Thomas Gasser. Er ist Bereichsleiter Logistik des Migros-Verteilzentrums und Mitglied der Geschäftsleitung. Der Bestellvorgang ist weitgehend automatisiert, die Filialen müssen kaum eingreifen. Durch das Scannen der Produkte an der Kasse erhalten die Migros-­Verkaufsstellen in Sekundenschnelle ihre Verkaufsdaten, die sie in der Nacht an die Zentrale übermitteln. Auf dieser Basis werden die Bestellungen und die Beladungen der einzelnen Paletten berechnet.

Bringt die Digitalisierung auch den Mitarbeitenden einen Mehrwert? «Im Migros-Verteilzentrum arbeiten heute viel mehr Informatiker und Instandhalter als früher», sagt Gasser. Auf der andern Seite sei die Zahl der Menschen, die schwere körperliche Arbeit verrichten, fast bei null. Bis 2011, als man noch von Hand kommissionierte, hat ein Mitarbeiter, der Mineralwasser umlud, an einem Tag gut und gerne 10 bis 11 Tonnen Gewicht mit reiner Muskelkraft gehoben. «Die Automatisierung hat den Angestellten also sicher die Arbeit erleichtert.»

Dem Zentrum brachten Digitalisierung und Automatisierung Effizienzgewinne. Heute kann man im Verteilzentrum mit weniger Mitarbeitenden – aktuell 460 Personen – mehr bewältigen: Einerseits ist die Menge der für die Migros-Filialen umgeschlagenen Waren gestiegen, andererseits erfolgt seit fünf Jahren auch die Kommissionierung für die 300 Migrolino-Filialen in Suhr. Für Migrolino wird statt auf Paletten auf Rollcontainer kommissioniert. Es gibt dafür halbautomatische Maschinen, die Mitarbeitenden müssen von Hand nur noch Artikel in Gebinde stellen, welche die Maschine bereitgestellt hat. Handarbeit ist in Suhr auch für das Konfektionieren gefragt: zum Beispiel für das Zusammenstellen von Regalen für die Filialen bei speziellen Aktionen oder das Anfertigen von Multipacks.

Spitzenwerte im Dezember.

«Mit Abstand den höchsten Warenumschlag haben wir vor Weihnachten», sagt Logistiker Gasser. Im Dezember laufen die Kommissionierungsmaschinen fast rund um die Uhr, zudem wird in diesem Monat auch an drei Sonntagen gearbeitet. Generell steigt in dieser Zeit der Umsatz aller Artikel, Spitzenwerte erreicht er für Schokolade, Panettone und Süssgetränke – so­genannte Saisonware.

Damit an den Feier­tagen genügend Schokolade zur Verfügung steht, wird diese bereits seit April im Verteilzentrum laufend eingelagert.

Gesteuert und überwacht wird das Verteilzentrum von einem kleinen Büro aus, in dem drei Männer vor ihren Computern sitzen. Einer überblickt auf drei Monitoren Überwachungskameras und Sensoren im ganzen Gebäude. Wir befinden uns im Leitstand des Migros-Verteilzentrums, in dem die Informationen von Hunderten von Kameras und Lichtschranken zusammenkommen. Nicht selten habe das Video- und Bildarchiv schon wertvolle Informationen gegeben, wenn irgendwo ein Fehler passiert ist, weiss Gasser. Der Mitarbeiter vor den Überwachungskameras ist gerade daran, per Mausklick die Waren eines Kunden aus dem Logistikkreislauf zu entfernen. «Wenn ein Lieferant merkt, dass sein Produkt fehlerhaft sein könnte, kann er die Auslieferung an die Kunden noch bei uns stoppen», sagt er. Dies ist natürlich viel einfacher, als eine Rückrufaktion zu starten.

«Generation M» fördert Nachhaltigkeit.

Inzwischen sind die riesigen Mengen an Zucker und Ananaskonserven, die am Morgen auf der Bahnrampe standen, elektronisch erfasst und in den Kreislauf des Logistikzentrums eingegangen. Bald schon werden sie es wieder verlassen: Während über 300 Migros-Filialen von Suhr aus direkt beliefert werden, gehen die restlichen Waren zunächst an die Betriebszentralen der zehn regionalen Migros-Genossenschaften, bevor sie an die Filialen ausgeliefert werden. Ein Drittel der Paletten wird per Bahn im Wagenladungsverkehr weitertransportiert, es sind in erster Linie die Sendungen in die entfernteren Migros-Genossenschaften wie Ost- und Westschweiz. Die Migros Waadt wird seit 2014 zu 100 Prozent per Bahn beliefert.

Für Migrolino setzt die Migros für den Transport in die Romandie auf den kombinierten Verkehr. Generell versucht das Unternehmen, den Bahnanteil wann immer möglich auszubauen.

Potenzial sieht Logistikchef Gasser vor allem beim Import aus dem Ausland, aber auch im kombi­nierten Verkehr in der Schweiz. Zur-zeit prüft das Verteilzentrum Suhr, ob der Migrolino-Verkehr ins Tessin von der Stras­se auf die Bahn verlagert werden kann. Gasser sagt dazu: «Aus ökologischer Sicht sind Verlagerungen sehr interes­sant, das Nachhaltigkeitsprogramm ‹Genera­tion M› fördert Bestrebungen dieser Art.»

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