Akrobatische Logistik, Teil 2 – Über 100 Artisten an Bord

Wenn der Zirkus Knie auf Reise geht, transportiert SBB Cargo in zwei Zügen rund 1400 Tonnen Fracht. Was kaum jemand weiss: In den Wohnwagen schlafen während des Transports die Artistinnen und Artisten.

 

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Beat Aeschlimann sieht es zuerst. Im zweiten Zug mit der Zirkusfracht hat jemand in einem Wohnwagen Licht gemacht, zieht die Vorhänge auf und schaut heraus. SBB Cargo-Mitarbeiter Aeschlimann nimmt auch als erster wahr, dass das Licht wenig später wieder ausgeht. Er muss aufpassen, dass niemand auf der falschen Seite aussteigt und plötzlich in der Fahrbahn der Personenzüge steht. Denn über hundert Artisten und Arbeiter sind in ihren Wohnwagen auf den beiden Zügen mitgereist. Sie schlafen wohl noch und stehen erst auf, wenn sie am Zielort angekommen sind. Wie alarmiert eine chinesische Artistin den Lokfüher im Notfall unterwegs?

«Eigens dafür bekommt der Lokführer ein mobiles Telefon in den Führerstand», erklärt Aeschlimann. «Wer mitreist, hat die Nummer. Läutet das Telefon, muss der Lokführer anhalten und nachschauen, was los ist. Er kann sich mit der Artistin ja nicht unterhalten.» Es ist halb sechs. Erste Gestalten mit aufgestellten Mantelkrägen versammeln sich vor dem Güterbahnhof. Sie warten, bis ein Bus des Zirkus Knie sie abholt und zum Aufbau des Zirkuszeltes fährt.

Die Entlader ziehen die Zirkuswagen mit einem Traktor von den Flachwagen

Jetzt sind die fünf Entlader da. Zu zweit heben sie beim Rampenwagen ein Rampenbrett ums andere aus der Arretierung, lassen es auf die Rampe knallen. Als nächstes fallen die Stirnelemente der Flachwagen auf die Halterungen. Die Motoren der Traktoren heulen auf. Verlademeister Markus Schütz lässt die Ketten, welche die Zirkusfahrzeuge fixieren, auf die Holzplanken der Flachwagen rasseln. Zwei Entlader machen sich an den Keilen zu schaffen, welche die Räder der Zirkuswagen fixieren. Einer hebt die Wagendeichsel, der rote Hürlimann-Traktor setzt zurück, schon ist angehängt.

Ein kurzer Pfiff gellt, der Traktor fährt an. Ein langer Pfiff, der Traktor bleibt stehen. Der zweite Entlader senkt die Wagendeichsel der Elektrozentrale. Zwei kurze Pfiffe, der Traktor fährt zurück. Der Abstand zwischen Rad und Flachwagenkante ist keine zwei Hände breit. Ein langer Pfiff. Der Entlader hängt die Elektrozentrale an. Ein kurzer Pfiff – schon holpert der Traktor mit den beiden Wagen über den Rampenwagen auf die Rampe.

Und weiter auf den Vorplatz des Güterbahnhofs. Der Traktorfahrer betätigt die elektronische Kupplung, die Anhänger bleiben stehen. Später holt ein Lastwagen mit dem Knie-Logo die Anhänger und bringt sie die drei Kilometer zur Berner Allmend, dem nächsten Spielort. Die Entlader haben bereits weitere Räder von den Keilen befreit. Der zweite Traktor fährt rückwärts in Stellung. Ankuppeln, Pfiff kurz, Pfiff lang, zwei kurze Pfiffe, Pfiff lang, Pfiff kurz – weg. Erneut der erste Traktor. Zwei kurze Pfiffe, Pfiff lang, Pfiff kurz – weg. Im Nu sind die ersten Flachwagen leergeräumt.

Bisher erschienen:
Akrobatische Logistik, Teil 1 – Wo sind die Entlader?

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