Automation unterstützt Verlagerung auf die Schiene

Désirée Baer, CEO SBB Cargo, und Josef Dittli, Ständerat und Präsident VAP, im Gespräch über die Zukunft des Schweizer Schienengüterverkehrs. Eines ist sicher: Es braucht die Automation – je schneller, desto besser. Teil 2 des Interviews.

Herr Dittli, blicken wir fünf Jahre in die Zukunft. Wo sollte der Schienengüterverkehr aus Ihrer Sicht 2026 stehen?

JD: Ich wünsche mir, dass Digitalisierung und Automatisierung im Schienengüterverkehr bis zu diesem Zeitpunkt soweit entwickelt und fortgeschritten sind, dass die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Strasse nochmals deutlich besser ist. Es wäre wünschenswert, dass die Bahn ihren Kunden mithilfe dieser Innovationen qualitativ noch hochwertigere und schnellere Logistiklösungen bieten kann, die preislich vertretbar bleiben. Immer mit dem übergeordneten Ziel, die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene weiter zu beschleunigen.

Frau Baer, haben Sie mitnotiert? Schafft SBB Cargo diese Vorgaben bis 2026?

Désirée Baer, CEO SBB Cargo AG

DB: Was die Digitalisierung unserer Prozesse betrifft, bin ich absolut zuversichtlich. Wir verfügen über die Systeme und Lösungen und können den Fahrplan für die Umsetzung weitgehend selbst bestimmen. Auch was die Automatisierung betrifft, verfolgen wir einen ambitionierten Zeitplan. Wir sprechen hier primär von der flächendeckenden Einführung der automatischen Kupplungen sowie der Bremsprobe. Da der Schienengüterverkehr grenzüberschreitend ist, sind wir hier bei der Umsetzung indes von anderen Protagonisten abhängig. Dazu gehören die Wagenhalter, Kunden, aber auch zahlreiche europäische Akteure. Da liegt viel Arbeit vor der Branche. Dass wir bis in fünf Jahren all dies unter einen Hut bringen, ist ein sportliches Ziel. Wohl etwas zu sportlich.

Fehlen dazu auch die finanziellen Mittel?

DB: Natürlich stellt sich auch die Geldfrage. Damit die Automatisierung im europäischen Schienengüterverkehr funktioniert, braucht es jedoch primär eine länderübergreifende Harmonisierung der Systeme. Und zwar auf den Zeitpunkt «X». Wir reden hier also von einem «Big Bang», der notwendig, aber höchst anspruchsvoll ist.

Gerade was die automatischen Wagenkupplungen betrifft, laufen in Europa schon viele Bestrebungen. In einer Ihrer beiden Motionen, Herr Dittli, fordern Sie den Bundesrat auf, die entsprechende Transformation auch in der Schweiz zu beschleunigen. Wie soll das funktionieren?

JD: Sehr rasch braucht es zunächst einmal ein Konzept, wie man die entsprechende Umrüstung in der Schweiz vorantreibt und europäisch kompatibel macht. Heute werden die Bahnwaggons im hiesigen Güterverkehr noch immer wie vor 100 Jahren verkuppelt. Damit die technische Aufrüstung auf automatisierte Kupplungen und Bremsprüfungen gelingt, braucht es neben diesem Konzept auch finanzielle Anreize, um aus dem Pilotprojekt in ein alltagstaugliches System für alle Güterbahnen wechseln zu können.

DB: Wir haben bei SBB Cargo noch vor den europäischen Bewerbern mit eigenen Mitteln bereits in die Entwicklung solcher Systeme investiert. Dafür haben wir ein unternehmerisches Risiko auf uns genommen im Wissen, dass es nur funktionieren wird, wenn alle übrigen Akteure auf Dauer mitziehen. Aber dafür braucht es einen Konsens. Auch deshalb sind für uns die beiden Motionen von Herrn Dittli so hilfreich und wichtig.

Also soll der Bund jetzt übernehmen, die Umsetzung in sie Wege leiten und idealerweise auch bezahlen?

JD: Auf keinen Fall soll der Bund alles bezahlen. Aber eine Anschubfinanzierung ist schon gefragt, um SBB Cargo und die Partner hier nicht im Regen stehen zu lassen. Dazu soll der Bund abgestimmt mit Europa solide Rahmenbedingungen für diese Innovation schaffen und die wichtigen Protagonisten und Akteure gemeinsam an einen Tisch bringen. Selbstverständlich muss die Branche selbst die Umsetzung an die Hand nehmen und sie vorantreiben. Und ich gebe Frau Baer Recht, dass fünf Jahre ein sehr ehrgeiziges Ziel ist. Aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können, wenn wir jetzt keine weitere Zeit verlieren.

Obschon Ihre Motion zum Thema «Automatisierung» im Nationalrat mit 136 zu 50 Stimmen angenommen wurde, gab es auch ablehnende Stimmen, die der Förderung des Schienengüterverkehrs keinerlei Bundesgeld zubilligen wollen. Können Sie diese verstehen?

JD: Nur bedingt, denn Investitionen in moderne Kupplungs- oder Bremsprüfungssysteme führen ja letztlich zu massiven Kostensenkungen, da der Schienengüterverkehr damit viel effizienter und in der Folge konkurrenzfähiger wird gegenüber der Strasse. Diese Anschubfinanzierung kann also eine Dynamik ins Rollen bringen, die schlussendlich auf das staatlich definierte Verlagerungsziel hin zur Schiene einzahlt. Damit tun wir auch etwas zur Erreichung des Klimaschutzziels, welches vorsieht, dass die Schweiz ab 2050 keine Treibhausgase mehr ausstösst.

Schussfrage. Herr Dittli, welchen wichtigsten Wunsch richten Sie an die Güterverkehrsunternehmen?

Josef Dittli, Ständerat und Präsident VAP

JD: Ich wünsche mir ganz fest, dass alle Protagonisten der Branche, ob Schiene oder Strasse, die grossen Herausforderungen der Zeit als Chance sehen. Dass sie sich zusammenraufen und unterstützt von der Politik gemeinsam nach zukunftsträchtigen Lösungen suchen. Wir vom VAP bieten gemeinsam mit dem Cargo Forum Schweiz dazu schon lange eine offene Plattform an. Dies mit dem übergeordneten Ziel, den Kunden qualitativ hochwertige Dienstleistungen zu bieten, die zahlbar bleiben und dank beliebig gestaltbarer Verknüpfung von Rhein, Strasse und Schiene unser Klima maximal schützen. Ich träume weiter davon, dass wir 2026 schon viel weiter sind als heute (lacht).

Frau Baer, was wünschen Sie sich von der Politik?

DB: Ich wünsche mir, dass die beiden für SBB Cargo wertvollen und deutlich angenommenen Motionen von Herrn Dittli auch tatsächlich gute Resultate zur Folge haben werden. Ich wünsche mir, dass der Bund eine Justierung bei den Rahmenbedingungen vornimmt, da diese gegenwärtig nicht mit den politischen Erwartungen kongruent sind, die an uns gestellt werden. Aber vor allem möchte ich der Politik danken, dass sie uns in dieser schwierigen Zeit unterstützt hat. Ohne diese Unterstützung wäre es noch schwieriger, Investitionen in Innovationen ins Auge zu fassen – zugunsten eines wettbewerbsfähigen und klimaschonenden Güterverkehrs auf der Schiene.

Den Teil 1 des Interviews zur Verlagerung lesen Sie hier

Fotos: Daniel Winkler

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