Nord-Süd-Strecke: Wie lassen sich die Kapazitäten erweitern?

Auf Einladung von SBB Cargo International trafen sich heute Nachmittag Bahnexperten aus Italien, der Schweiz und Deutschland auf dem Stand der «SwissMovers» und diskutierten über die Zukunft des Schienengüterverkehrs auf der Nord-Süd-Trasse.

Unter der Moderation von Dr. Thorsten Klaas-Wissing von der Hochschule St. Gallen waren im Podium mit Mauricio Mancarella (RFI Rete Ferroviaria Italiana) und Wolfgang Bohrer (DB Netz AG) zwei Vertreter der Infrastruktur-Anbieter vertreten. Dazu kam mit Dr. Arnold Berndt (Leiter Finanzierung Güterverkehr im BAV der Schweiz) die politische Seite und mit Gastgeber Michail Stahlhut (CEO von SBB Cargo International) ein Schienengüterunternehmen, das sehr stark von den Entscheidungen der anderen Teilnehmer abhängig. Vor dem Hintergrund der prognostizierten Zuwächse von 200 % bei den Hinterlandverkehren aus den Seehäfen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren sollte die Diskussion die Frage klären, wie eine Kapazitätserweiterung im Güterverkehrskorridor A von Rotterdam nach Genua möglich ist?

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Dr. Arnold Berndt wies auf die Vorteile der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (NEAT) hin. Die Schweiz erfülle mit der für 2016 geplanten Inbetriebnahme des längsten Eisenbahntunnels der Welt, dem Gotthard-Basistunnel, und dem Basistunnel am Monte Ceneri, der bis 2019 fertiggestellt sein soll, ihre Verpflichtungen bei der Verwirklichung einer durchgehenden Flachbahn durch die Alpen. Bis 2020 werde zudem die gesamte Gotthard-Eisenbahnachse zwischen Basel und Norditalien so ausgebaut, dass Transporte mit vier Metern Eckhöhe durchgeführt werden können. «Von unseren Nachbarländern Deutschland und Italien erwarten wir, dass diese die Nord- und Südanschlüssen an die NEAT Schritt haltend mit der Verkehrsnachfrage ebenfalls ausbauen», so der BAV-Vertreter.

Mit diesen Ausbauten erhalte Europa die nötige Infrastruktur, um den stets wachsenden Güterverkehr zwischen den Industriezentren Nord- und Südeuropas wirtschaftlich und umweltschonend abzuwickeln. Die hohe Auslastung des Basistunnels am Lötschberg – dem bereits realisierten Ast der NEAT – zeige, dass die Schweiz mit ihrer Güterverkehrspolitik auf dem richtigen Weg ist. Dem stimmte Michail Stahlhut zu: «Die Verlagerung der Güter muss bereits am Anfang der Logistikkette geschehen». Um das prognostizierte Verkehrswachstum bewältigen zu können, sei eine Erhöhung der Zuglängen auf mindestens 750 Meter und der Profilhöhen notwendig. Aber insbesondere einheitliche Infrastrukturstandards und eine durchgehende Flachbahn im Nord-Süd-Korridor.

«Länger, schwerer, höher und schneller» ist das neue olympische Motto von SBB Cargo International. Wenn erst einmal eisenbahnverkehrstechnisch «aus der Schweiz ein zweites Holland oder Belgien geworden sei» (wegen der Flachbahn ohne Steigungen), liesse sich deutlich günstiger produzieren und so die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Strasse verbessern. Auf ca. 10 Prozent weniger Transportkosten schätzte Dr. Berndt den NEAT-Effekt. Doch bis diese tatsächlich realisiert werden können, ist noch einiges zu tun – wie sich in den sehr detaillierten Fachvorträgen der Infrastrukturbetreiber zeigte. So will Italien in einem milliardenschweren Investitionsprogramm die noch vorhandenen Nadelöhre im Verkehrskorridor beseitigen und die Durchschnittsgeschwindigkeit der Güterzüge von heute 55 km/h auf 65 km/h steigern.

Eine Erhöhung der Geschwindigkeit der Güterzüge wäre auch für Michail Stahlhut die kostengünstigste und einfachste Möglichkeit zur Kapazitätssteigerung. Allerdings sei diese Variante politisch sehr unpopulär. Wolfgang Bohrer wies in diesem Zusammenhang auf die Lärmproblematik hin und den wachsenden Bürgerprotest – gerade im Rheintal: «Wenn wir die Anforderungen erfüllen wollen, brauchen wir Lärmschutzwände, die höher als früher die Berliner Mauer sind». Er setzt deshalb zum Beispiel auf stärkere Standardisierung der Technik («die unterschiedlichen ECTS-Dialekte in den einzelnen Ländern sind ein Unding»), durchgebundene Katalogtrassen und lärmabhängige Trassenpreissysteme.

Auch wenn es schwierig ist, die unterschiedlichen Interessen von Politik, Personen- und Güterverkehr sowie Anwohnern unter einen Hut zu bringen, konnte Gastgeber Michail Stahlhut am Ende ein optimistisches Resümee der Veranstaltung ziehen: «Immerhin schauen alle in die gleiche Rechnung».

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