«Cradle to Cradle» – mehr als nur ein einziges Leben

Prof. Dr. Michael Braungart, EPEA
Prof. Dr. Michael Braungart, EPEA
Foto: Messe Frankfurt

Alleine in der Schweiz fallen jährlich 5,5 Millionen Tonnen Abfall aller Art an. Ein Teil geht ins Recycling, ein Teil wird verbrannt. Hier leistet SBB Cargo mit ihren Wertstoffzügen in die Verbrennungsanlagen einen wichtigen Beitrag. Doch der beste Müll ist derjenige, der gar nicht erst erzeugt wird.

Das meint zumindest  Prof. Dr. Michael Braungart. Der Chemiker, Verfahrenstechniker, Vordenker und Unternehmer hat  gemeinsam mit dem amerikanischen Architekten William McDonough das «Cradle to Cradle»-Konzept («Von der Wiege bis zur Wiege») entwickelt. Würde es konsequent befolgt, gäbe es keinen Abfall mehr. Alle Dinge, die nach diesem Prinzip entstehen, wären entweder komplett abbaubar, oder die verwendeten Materialien könnten wieder und wieder verwendet werden.

Produkte, die sich durch ihre Anwendung biologisch, chemisch oder physikalisch verändern und verschleissen – so wie etwa Lebens- und Waschmittel, Schuhsohlen, Bremsbeläge oder Autoreifen – müssen nach Prof. Braungarts Vorstellung so produziert werden, dass sie in biologische Systeme zurückgehen können und beispielsweise wieder zu Erde oder Kompost werden. Gegenstände, die nur genutzt und nicht verbraucht werden – so wie Waschmaschinen, Fernseher oder Fenster – werden dagegen so hergestellt, dass sie wieder in andere technische Systeme zurückgehen können.  Wie etwa die Gotthardlok Ae 6/6, aus der am Ende ihres Lebens Komponenten für Handys wurden. Hier der Film, der zeigt, wie Einzelteile der Ae 6/6 weiter leben.

Das heisst, die Bestandteile von technischen Systemen werden wieder verwendet. «Dadurch gibt es keinen Abfall, sondern nur noch Nährstoffe – technische und biologische», sagt der Wissenschaftler. Abgeschaut hat er sich dieses Prinzip von der Natur, bei der auch alles in einen ewigen Kreislauf fliesst. Als ihm Anfang der 90er Jahre  der Basler Novartis-Vorgänger Ciba-Geigy  zwei Millionen Dollar zur Verfügung stellte, um sich mit natürlichen Systemen zu beschäftigen, schuf Prof. Braungart die Grundlagen für das «Cradle to Cradle»-Konzept. Mit der vom ihm gegründeten EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency) in Hamburg, die auch eine Niederlassung in der Schweiz besitzt, arbeitet er heute mit einem interdisziplinären Team und Partnern aus der Industrie an der praktischen Umsetzung.

Insgesamt sind mittlerweile weltweit rund 11 000 «Cradle to Cradle»-Produkte  auf dem Markt. So schneidert der deutsche Sportartikelhersteller Trigema Poloshirts, die vom Garn über das Etikett bis hin zu den Knöpfen komplett kompostierbar sind. Der Farb-Fabrikant Marabu entwickelte gemeinsam mit der EPEA auswaschbare Druckfarben für Glas und Kunststoffe, die frei sind von Schwermetallen und somit ein hochwertiges Recycling von Verpackungen ermöglichen. Ein Vorreiter ist auch der Schweizer Sitzmöbelhersteller Giroflex AG aus Koblenz mit seinen Bürostühlen. Sie können in 10 Minuten komplett zerlegt werden und bis auf den Schaumstoff lassen sich sämtliche Rohstoffe – Aluminium, Stahl, Kunststoff – verlustfrei wiederverwenden oder -verwerten. Denn mit dem «Cradle to Cradle»-Prinzip haben die Möbelstücke nun mehr als nur ein einziges «Leben».

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