«Der Erfolg der Schweiz bei der Verlagerung ist eine Ausnahme»

In der aktuell erschienenen Studie «European Rail Freight Transport Market» analysiert das deutsche Beratungsunternehmen SCI Verkehr die Situation des europäischen Schienengüterverkehrs. Geschäftsführerin Maria Leenen stellt einige Ergebnisse vor.

Maria Leenen, CEO der Consultingfirma SCI Verkehr

Maria Leenen, CEO der Consultingfirma SCI Verkehr

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der Studie?
Der europäische Schienengüterverkehr steckt in einer tiefen Krise. Die Leistung der Güterbahnen liegt deutlich unter dem Niveau der Jahre 2007 und 2008. Unbefriedigende Finanzkennzahlen, hohe Volatilität und Krisenanfälligkeit sowie wachsende Ansprüche der Kunden bei einer starken Konkurrenz durch moderne, umweltfreundliche LKWs setzen den Schienengüterverkehr in ganz Europa weiter unter Druck. Trotz einer moderaten Erholung der Verkehrsleistung in den letzten zwei Jahren kann er mit dem Wachstum auf der Strasse nicht mithalten – er verliert Marktanteile.

Was bedeutet das konkret und wie sind die Zukunftsaussichten?
Das Marktvolumen im europäischen Schienengüterverkehr wuchs in den vergangen beiden Jahren insgesamt um 3 Prozent und liegt aktuell bei rund 17,5 Milliarden Euro, wobei der Modal-Split-Anteil der Schiene weiter gesunken ist. Die Erfolge der Schweiz und Österreichs, massgebliche Güterverkehre auf die Schiene verlagern zu können, sind eher Einzelfälle im europäischen Vergleich geblieben. Wir rechnen bis zum Jahr 2019 nur noch mit einem Wachstum im Mittel von rund einem Prozent pro Jahr. Dabei ist allerdings von erheblichen Schwankungen auszugehen: Die aktuellen Anzeichen sprechen beispielsweise für ein schweres Jahr 2016.

Woran liegt das?
Es gibt zwar Länder, die wickeln ihren Güterverkehr zum grössten Teil über die Schiene ab, die Schweiz zum Beispiel, oder die baltischen Staaten. Aber das Gros der Flächenländer hat sich vom Schienengüterverkehr schon so gut wie verabschiedet. Der Durchschnitt in der EU, einschliesslich der Türkei, lag 2014 bei nur noch bei 22 Prozent Anteil an der Gesamttransportleistung. Die Mehrheit der Bahnbetriebe hat die Notwendigkeit zur Restrukturierung sowie zur Konsolidierung erkannt, teilweise auch erste Schritte eingeleitet. Aber oftmals fehlt allerdings gerade bei den staatlichen Shareholdern die Bereitschaft, erkannte Reformschritte konsequent umzusetzen und notwendige Investitionen zu finanzieren. Zudem verhält sich die Mehrheit der Unternehmen im Schienengüterverkehr eher zögerlich bei der Optimierung ihrer Prozesse und der Einführung neuer Techniken zur Steigerung ihrer Produktivität.

Wie können die Güterbahnen hier gegensteuern?
Wir empfehlen eine konsequente Überprüfung der logistischen Prozessketten, entlang derer passende digitale Instrumente und Standards zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit etabliert werden sollten. Die LKW bestimmen den Preis, die Bahnen müssen sich daran orientieren. Ausserdem sind die Grenzen in Europa echte Hürden für die Güterbahn. Praktisch jedes Schienennetz der verschiedenen Länder hat seine eigenen technischen Standards. Diese einzuhalten, ist teuer. Die schärfsten Rivalen der Güterbahnen, die LKW-Spediteure, kämpfen mit diesen Problemen nicht. Hier muss sich also dringend etwas ändern.

Autor

Wolfgang Müller
Wolfgang Müller

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