Am oder überm Berg?

Die beiden Alpenländer Österreich und Schweiz gehören zu den kleineren Flächenstaaten Europas, was in der Logistik auch Vorteile mit sich bringen kann. Zur Zeit sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwar recht unterschiedlich, aber die Logistikbranche kämpft in beiden Ländern um die Anerkennung ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung in den Augen von Politik und Öffentlichkeit.

Die Voraussetzungen waren selten so verschieden. In der Schweiz dauern die Nachbeben, die die Aufhebung des EUR-Mindestkurses gegenüber dem Schweizer Franken ausgelöst hat, noch an. Thomas de Courten, Nationalrat und Präsident des Verbands schweizerischer Speditions- und Logistikunternehmen Spedlogswiss, sprach von einem «tiefen Einschnitt».

Die exportorientierte Schweizer Wirtschaft wurde an ihrer Achillesferse getroffen. Die Chemie- und Pharmabranche, die mit einer Exportquote von 85% in ihrem Segment für 40% der Schweizer Ausfuhren steht, hat ihre Geschäftslage erstmals seit 2013 im laufenden Jahr als schlecht bewertet. Immerhin erhöhte u.a. die Elektrobranche ihre Importe aus dem Euroraum, die im ersten Quartal 2015
real 9% über den Volumina des Vorjahreszeitraums lagen. Die Einfuhr von Informatik und Büromaschinen ging dagegen um 9% zurück. Es bleibt eng.

«Wichtig und wertschöpfend»
In Österreich hingegen breitet sich Optimismus aus. Das gilt sowohl für die Lage im eigenen Land als auch für das geografische Umfeld. Der Geschäftsklima-Index der österreichischen Kontrollbank OeKB hat im Mai den höchsten Wert seit Anfang 2014 erreicht. Österreichische Investoren sind mit der Entwicklung in Polen und Tschechien, ja sogar in der Ukraine und Russland weitgehend zufrieden.

In Österreich hat das Wiener Indus-triewissenschaftliche Institut (IWI) im Auftrag des Zentralverbands Spedition & Logistik in einer Studie die Bedeutung der Logistik für das Land untersucht. Die Ergebnisse, die am 8. Juni präsentiert wurden, zeigten den Multiplikatoreffekt der Logistikbranche. Auch wenn man an der Methodik der Studie kritteln kann, sind Beschäftigungswirkung Wertschöpfung und Umsatz des Segments doch unbestritten. In Österreich vervielfachen sich nach der Studie die 33,6 Mrd. EUR Branchenumsatz p.a. zu gesamtwirtschaftlich 130 Mrd. EUR Umsatz. An den 160 000 Beschäftigten in der Logistik hängen indirekt weitere 560 000 Arbeitsplätze. Nach Wolfram Senger-Weiss, Präsident des Zentralverbands, «veranschaulicht» die Studie «wie wichtig und wertschöpfend die Logistik für den Wirtschaftsstandort ist.» Felix Austria.

Thomas Lamprecht, Thomas Schwarzenbach und Thomas de Courten, Spedlogswiss.
Thomas Lamprecht, Thomas Schwarzenbach und Thomas de Courten, Spedlogswiss.

Fragestellungen und Lösungen
Fast zeitgleich, am 5. Juni 2015, brachte de Courten auf der Generalversammlung der Spedlogswiss im Verkehrshaus in Luzern die Agenda der Schweizer Logistik auf den Stand. Das Problem der öffentlichen Anerkennung der Branche liege auch darin, dass «Spedition und Logistik so gut funktionieren, dass man sie kaum wahrnimmt».

Um so mehr gibt es zu tun. Neben der teilweise dringenden Anpassung der Infrastruktur der Schweiz an die Bedürfnisse der Logistik, das sinkende Flächenangebot und die fortgesetzte Überregulierung standen Forderungen nach einer verursachergerechten Finanzierung der Strassenentwicklung als auch nach mehr Innovation auf der Schiene im Mittelpunkt.

In der Zusammenarbeit mit den Mitgliedern hat der Verband jetzt einen eigenen Bildungsgang für die Branche auf den Weg gebracht sowie einen Vorschlag zur Änderung der Safety of Life at Sea Convention (Solas) erarbeitet, der den Behörden im Sommer 2015 vorgelegt werden soll. Es geht um ein Verfahren zur Gewichtsverifizierung von Exportcontainern, das ab dem 1. Juli 2016 international bindend sein wird.

Nachdem der Vorstand von Spedlogswiss bestätigt und um das neu gewählte Mitglied Thierry Dornier von Ziegler erweitert worden war, wurde in einer menschlich berührenden Zeremonie das langjährige Vorstandsmitglied François Mermod in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Über Jahrzehnte habe er im Engagement für die Schweizer Spediteure immer wieder gern den «rideau de rösti» übersprungen, führte Mermod aus: «Cela marque une vie.»

Innovative Ideen
Die Verladerschaft der Schweiz wiederum, der Swiss Shipper´s Council (SSC), feierte kürzlich in Bern seinen 50. Geburtstag. SSC-Präsident und Nationalrat Fabio Regazzi verwies in seiner Ansprache auf die traditionellen Stärken der Schweizer Exportwirtschaft, die sich bereits damals im SSC organisiert habe, um gemeinsame Lösungen für die Stellung im Weltmarkt zu entwickeln. «Ein Schritt in diese Richtung», so SSC-Geschäftsführer Conrad Tobler im Gespräch mit dem ITJ, «ist die Wiederbelebung des Miliz-Systems, in der Unternehmen und Politik einen entscheidenden Beitrag für den Erfolg der Schweizer Wirtschaft leisten.»

(v.l.n.r.) Michael Gehrken, Competentia; Hans-Peter Hadorn, Schweiz. Rheinhäfen; Nicolas Perrin, SBB Cargo; Frank Furrer, VAP; Martin Dätwyler, Log.cluster Region Basel
(v.l.n.r.) Michael Gehrken, Competentia; Hans-Peter Hadorn, Schweiz. Rheinhäfen; Nicolas Perrin, SBB Cargo; Frank Furrer, VAP; Martin Dätwyler, Log.cluster Region Basel

Auch wenn der Geburtstagskuchen des SSC von der Bundesrätin Doris Leuthard angeschnitten wurde, gebührt die Kirsche darauf doch dem ehemaligen Lenker der Nestlé-Logistik, Fritz Wolf. In einem Film aus dem Jahr 1985 zeigte der Hochbetagte auf, wie damals eine über Jahre andauernde Congestion vor dem Hafen von Lagos, Nigeria, mit einer findigen Lösung bewältigt werden konnte. Nestlé errichtete einer «Seebrücke» aus Feedern, mit deren Einsatz die Ladung der grossen Schiffe gelöscht und Nigeria für die eigenen Produkte gewonnen werden konnte, wie Wolf im Gespräch mit dem ITJ ausführte: «Wir waren der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus.» Dass auf dem Unternehmergeist dieser Natur der Erfolg vieler Schweizer Weltmarken basiert, brachte Wolf eindrücklich zum Ausdruck.

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