«Es warten noch viele Baustellen.»

Sven Flore, CEO von SBB Cargo International (SBBCI), glaubt an positive Effekte des neuen Ceneri-Basistunnels – zumindest für die Schweiz. Im Interview sagt er, was es in den Nachbarländern noch braucht, welche Ziele er mit seinem Unternehmen verfolgt und warum die internationale Zusammenarbeit manchmal schwierig ist. 

Auf der Nord-Süd-Achse wird nach wie vor gebaut. Inwieweit beeinflusst dies Ihr Tagesgeschäft?
Massiv – einerseits, weil es wegen Umleitungen, Fahrplananpassungen usw. einen Mehrbedarf an Ressourcen gibt. Anderseits haben wir beim Lokpersonal einen Ressourcenengpass. Das Problem ist, dass unsere Kunden dies merken, da unsere Leistung darunter leidet. Auf Dauer wird sich der Transport verteuern, schliesslich müssen wir mit den Einnahmen aus dem Transportgeschäft für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne bei den Lokführern sowie eine zuverlässige Supply-Chain sorgen. 

Wird nach der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels (CBT) im Jahr 2020 also doch nicht alles besser?
Für die Schweiz ist der CBT sicher positiv, die Durchfahrtsachse wird optimiert. Wenn längere, schwerere Züge eingesetzt werden können, bedeutet dies eine Effizienzsteigerung und geringere Kosten – das ist ein Riesenerfolg. Auf uns aber warten noch viele Baustellen. Die Zulaufstrecken in Italien und Deutschland beispielsweise befinden sich noch immer im Planungsstadium. Zudem muss in Deutschland endlich die Einführung des lange vernachlässigten Zugsicherungssystems ETCS (European Train Control System) erfolgen. Und ein Problem, das trotz aller Neuerungen bestehen bleibt, ist die starke Steigung zwischen Chiasso und Lugano. Hier müssen alle Beteiligten gemeinsam nach intelligenten Lösungen suchen. 

Was braucht es konkret für einen besseren grenzüberschreitenden Schienengüterverkehr?
Zunächst sicher ein gutes Gesamtkonzept, das auch die Anbindung in Italien berücksichtigt. Wegen der genannten Steigung müssen auf dem Weg über Chiasso auch künftig Züge mit Doppeltraktion fahren, was mit Mehrkosten verbunden ist. Um diese in Schach zu halten und einen effizienten Ablauf für alle Bahnunternehmen zu gewährleisten, sollte die Infrastruktur meiner Meinung nach einen Service aus einer Hand anbieten. Als Vorbild dient die Infrastruktur der ÖBB, die an grösseren Rangierbahnhöfen in Österreich ein neutrales Angebot für alle bereitstellt. Das ist insofern sinnvoll, als die Verantwortlichen genau wissen, wann welche Züge ankommen und abfahren. So können sie die Abläufe besser koordinieren und damit die Kapazitäten optimieren. Im Interesse eines guten Schienengüterverkehrs wäre das der beste Weg, um die Komplexität des Ganzen überschaubar zu halten. 

Profitieren Ihre Kunden überhaupt von der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (Neat)?
Ich traue mir nicht zu, dies abzuschätzen. Klar ist: Wenn bisher eine Achse in der Schweiz geschlossen war, gab es extreme Engpässe bei der Alpenüberquerung. Mit der NEAT ist die Flexibilität höher, das Risiko kleiner, und wir können den Kunden ein zuverlässigeres Programm anbieten. Das ist ein grosser Vorteil. 

Sie haben die Geschäftsleitung von SBB Cargo International im Sommer 2018 übernommen. Ihr Fazit nach neun Monaten?
Ich bin sehr zufrieden. Ich musste auch nicht lange überlegen, als die Anfrage kam. Einerseits wurde ich bereits bei der Gründung von SBBCI gefragt, ob ich die Geschäftsleitung übernehmen wolle. Damals sagte ich aus familiären Gründen ab. Andererseits stand ich all diese Jahre mit dem Unternehmen in Kontakt und habe in meiner früheren Funktion als Berater bereits Projekte mit SBB Cargo und SBB Cargo International realisiert. Gemeinsam haben wir zum Beispiel das Betriebskonzept für den Gotthard-Basistunnel erarbeitet. Das Team von SBBCI ist toll und motiviert, ich wusste, dass ich mit diesen Leuten viel bewegen kann. Unser Anspruch ist es, die beste Güterbahn Europas zu werden, besonders auf dem Nord-Süd-Korridor. 

Wo liegen die Herausforderungen auf diesem Weg?
In der internationalen Zusammenarbeit allgemein. Es sind unterschiedliche Kulturen, die aufeinanderprallen und die es zusammenzuführen gilt. Ich möchte, dass die Bahnen die gegenseitigen Stärken erkennen und offen sind für andere Herangehensweisen. Das ist eine hochgradig sensible, aber spannende Aufgabe. Ebenfalls immer wichtiger werden geeignete IT-Systeme, denn die Komplexität im Güterverkehr steigt. Wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen, sind Innovationen unabdingbar. Heutige Systeme machen nur, was wir ihnen sagen. Ich hoffe, dass sie in Zukunft selbst die Initiative ergreifen können. 

Maschine statt Mensch?
Für mich bedeutet Digitalisierung kein Jobabbauprogramm. Im Gegenteil: Es entstehen dadurch interessantere Jobs, auf die wir unsere Mitarbeitenden allmählich vorbereiten. Wir sprechen von einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Dann sollen Systeme das Tagesgeschäft übernehmen, während wir uns auf die Ausnahmefälle konzentrieren – das macht mehr Spass. 

Apropos Spass: Wie gefällt Ihnen die Zusammenarbeit mit SBB Cargo?
Das Schöne ist, dass wir voneinander lernen können. SBB Cargo unterliegt einem dynamischen Wandlungsprozess und macht Erfahrungen, die auch für uns wertvoll sind. Gleichzeitig ist unser Geschäft ein ganz anderes. Wir haben mehr Freiheiten, sind agiler und können Ideen schneller umsetzen. Wir sind die jungen Wilden! (lacht) 

Zur Person: Sven Flore (55) ist seit Juli 2018 CEO von SBB Cargo International. Davor leitete der diplomierte Ingenieur Energie- und Verfahrenstechnik eine Beratungsfirma für Eisenbahnunternehmen. Die Logistikbranche kennt er aus früheren Positionen bei TX Logistik und Rail4Chem. Flore kommt aus Gelsenkirchen (D), ist Vater von vier Kindern und geht gerne wandern und Ski fahren. Eigentlich wollte Flore nie zur Eisenbahn, sondern lieber Kraftwerke bauen. Dass er nun seit Jahren in der Bahnbranche tätig ist, verdankt er seiner Ansicht nach einem «Gendefekt»: Bereits sein Vater und sein Grossvater waren bei der Eisenbahn. 

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