Wirksam planen, effizient transportieren

Mit ausgefeilter Prognostik bringt SBB Cargo Kundenbedarf und Produktionsmittel unter einen Hut. Gut für die Bahn – und ebenso gut für ihre Kunden. Jetzt steht das neue Werkzeug für die Transportplanung im Praxiseinsatz. Der Mitentwickler Andreas Andresen gibt einen Einblick.

Güterkunden buchen Transporte oft kurzfristig, die Bahn plant aber langfristig. Das muss sie auch. Denn Fahrplantrassen sind teilweise knapp, Lokomotivumlaufpläne müssen aufgehen, und Lokführer sowie Rangierpersonal müssen eingeteilt werden. Ein unauflösbarer Widerspruch? Nicht für Andreas Andresen. Der 37-jährige Mathematiker hat zusammen mit drei Kollegen die Transportplanung von SBB Cargo auf eine neue Basis gestellt. Zweieinhalb Jahre Arbeit mit einem einzigen Ziel vor Augen: «Wir wollen den Kundenbedarf passgenau mit unseren Ressourcen abstimmen.»

Einen internen Namen für das Projekt gab es bereits, als das vierköpfige Team an den Start ging. «CargOrakel» hiess es. Die Orakel der Antike waren göttliche Offenbarungen mithilfe eines Mediums oder eines Rituals. Andresen lacht: «Keine Angst, bei uns steckt nichts Übersinnliches dahinter. Ich wäre auch nicht der richtige Mann dafür.»

Selbst machen statt einkaufen

Andreas Andresen, Projektmitarbeiter CargOrakel

Das neue Prognosemodell stützt sich nicht auf Götterbotschaften, sondern auf solide Prognostikwissenschaft mit einer Portion künstlicher Intelligenz. Andresen und seine Kollegen haben das Tool eigens für ihr Unternehmen entwickelt. «Eine Standardsoftware kam nicht infrage, bestehende Modelle waren für unsere Aufgabe nicht einsetzbar», sagt Andresen. Also hiess es auch für ihn: Mach es selbst. Das war schon bei seiner vorherigen Stelle so, der ersten nach seiner Promovierung in Berlin. In einer internationalen Softwarefirma entwickelte er damals einen Spamschutzfilter mit.

Ein Verkehrsplanungstool auf Prognosebasis besass SBB Cargo schon vor der Neuentwicklung. Aber dieses konnte die benötigten Transportkapazitäten zu wenig genau voraussagen, denn es stützte sich weitgehend bloss auf Vorjahreszahlen ab. Was sich innerhalb des laufenden Jahrs veränderte, das wurde lückenhaft und wenig systematisch erfasst, so etwa neue und wegfallende Relationen oder auch veränderte Mengen. «Die Planung lief manuell ab», so Andresen, «und die Daten erlaubten keine präzisen Verkehrsprognosen.» Zudem setzte sich der Güterzugfahrplan bisher aus vielen einzelnen Excel-Dateien zusammen – keine Katastrophe, aber nicht mehr ganz up to date.

Dank CargOrakel wird unsere Transportplanung verlässlicher.
Andreas Andresen, Projektmitarbeiter CargOrakel

Schwankungen vorausdenken

Vom neuen digitalen Planungsmittel erwartet SBB Cargo viel, es benötigt aber noch weitere Aufbauarbeit. Am Ende muss alles im Unternehmen vorhandene Wissen über künftige Verkehre zusammenfliessen, jenes der Verkäufer und jenes der Planer – was von ihnen enge Zusammenarbeit erfordert. «Sämtliche Informationen werden verfügbar gemacht, keine darf verloren gehen», sagt Andresen. Und die Folge: «Dank dem automatisierten Informationsaustausch können wir den Bedarf aller einzelnen Kunden genauer erfassen und stärker bündeln. Wir erhalten eine bessere Voraussicht, was wir in vier Monaten auf der Schiene fahren werden. So können wir unsere Ressourcen präzise einsetzen.»

Dies tönt ziemlich abstrakt, hat aber praktischen Nutzen. Steht etwa in einem Werk eines Kunden eine Revision an und in der Folge ein dreiwöchiger Produktionsunterbruch, so fliessen die Zugausfälle frühzeitig in den Fahrplan ein. Auch kann SBB Cargo besser auf saisonale Spitzen reagieren. Ein einfaches Beispiel: Im Sommer wird mehr Mineralwasser befördert und getrunken als im Winter. Solche jahreszeitlichen Verkehrsschwankungen schliesst das Tool ebenfalls in die Planung ein.

Was die Kunden davon haben

Den grössten Nutzen erwartet SBB Cargo im Wagenladungsverkehr. Präziseres Planen ermöglicht ihr hier gut ausgelastete Züge. Anders als bei Ganzzügen trägt sie im Wagenladungsverkehr das Auslastungsrisiko allein. Rollt eine Lokomotive mit nur drei Güterwagen durch die Gegend, trifft dies SBB Cargo ebenso empfindlich wie in Pandemiezeiten den SBB Personenverkehr ein fast leerer Schnellzug.

Die verbesserte Verkehrsplanung ist zunächst eine Optimierungsmassnahme für SBB Cargo selbst. Indirekt, teils sogar direkt hätten die Kunden jedoch ebenfalls einen Nutzen. Denn das neue Werkzeug mache die Güterbahn pünktlicher und anpassungsfähiger bei Veränderungen. So vermindere sich das Risiko, dass eine Buchung aus Mangel an Trassen oder Traktionsmitteln abgelehnt werden müsse. Andresens Fazit: «Besser zu planen und Produktionsengpässe zu vermeiden, das zahlt sich für alle Beteiligten aus.»

Fotos: Yves Stuber

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