Blechdose mit Köpfchen.

Um Kunden entlang der ­Logistikkette Mehrwerte zu bieten, tüftelt SBB Cargo an innovativen Services. Im Vordergrund steht ein neuer Güterwagentyp mit intelligentem Oberbau.

Ausdauernd ist sie ja, die heutige Generation der Güterwagen. Vierzig bis fünfzig Jahre stehen die rollenden Frachter im Einsatz, transportieren zuverlässig alles, was man ihnen aufbürdet. Nach vollbrachtem Dienst werden sie verschrottet, die noch brauchbaren Komponenten rezykliert. Doch ist das zeitgemäss? Kann ein Auto mit Baujahr 1970 den heutigen Mobilitätsbedürfnissen noch gerecht werden? Für Katharina Wachs dürfte der Lebenszyklus des Rollmaterials im Schienengüterverkehr deutlich kürzer ausfallen. «Etwas schlauer sollten die Waggons dafür werden und dadurch Mehrwerte für die Kunden schaffen, die mit den ‹dummen Blechdosen› der Gegenwart nicht zu leisten sind.»

Die Leiterin des SBB Cargo-Projekts «Integration Logistik Kunde» geht der Problematik auf den Grund. Mit ihrem Team evaluiert sie intensiv nach Oppor­tunitäten, wie das Leistungsangebot an­gepasst, ergänzt und erweitert werden könnte. Dies mit dem Ziel, die Kundenbedürfnisse entlang der gesamten Logistikkette besser und umfassender zu befriedigen. «Wir möchten mit einfachen Mitteln früh unterstützend in die Kundenprozesse eingreifen und damit Mehrwerte für dessen Logistikkette schaffen.» Der Güterwagen als Schlüsselkomponente des Transports biete dafür das grösste Potenzial. «Aber eben nicht mit den klassischen Güterwagen, die den immer kürzer werdenden Innovations­zyklen im Transport absolut nicht mehr gerecht werden.»

Kühlen und Tiefkühlen.

Im Rahmen des Projekts ist deshalb die Idee entstanden, den Güterwagen der Zukunft in zwei Komponenten zu unterteilen: in den standardisierten Unterbau sowie den modular konfigurierbaren Oberbau. Zusammen mit den Fahrzeugbaufirmen Ackermann und Eschtec konnte SBB Cargo im vergangenen Jahr die Umsetzung solcher Oberbautypen in Angriff nehmen. Sie sollen künftig im von der Strasse bedrängten Wagenladungsverkehr eingesetzt und dank ihrer Flexibilität den modernen Kundenbedürfnissen besser gerecht werden. Dazu gehört auch die neue Möglichkeit, dank Aggregaten sowohl Kühl- wie auch Tiefkühlfunktionen zu übernehmen.

Der wichtigste Mehrwert der zweigeteilten Güterwagen besteht darin, dass technologische Funktionen wie Track & Trace oder die Überwachung der Kühlkette künftig direkt integriert werden können. Aufgrund von kürzeren Lebens- und Abschreibungszyklen der flexiblen Oberbauten seien zudem Innovationsschritte in deutlich geringen Zeitabständen möglich, erklärt Katharina Wachs. «Aus der ‹dummen Blechdose› wird eine an Markt- und Kundenbedürfnissen ausgerichtete Logistikeinheit», so Wachs.

Einfache Entsorgungswege.

Am SBB Cargo-Kundenevent im September wird der erste Prototyp eines isolierten Wagenoberbaus mit Kühlfunktion vorgestellt. Die Echos von diversen Kunden aus dem Bereich Handel seien viel­versprechend, verrät Katharina Wachs. Fixe Vertragsabschlüsse lägen zurzeit aber noch nicht vor. «Wir sind auf jeden Fall zuversichtlich, die ersten zweigeteilten Güterwagen mit intelligentem Oberbau im Jahr 2019 in den Regelbetrieb aufnehmen zu können.» Voraussetzung dafür ist eine entsprechende Bewilligung vom Bundesamt für Verkehr (BAV).

Eine weitere Initiative im Rahmen des Projekts «Integration Logistik Kunde» ist ebenfalls schon so weit fortgeschritten, dass SBB Cargo im Herbst 2017 einen ersten Piloten ins Rennen schicken kann. Es geht dabei um das Abfall- und Recyclingwesen. «Seit Jahren spüren wir eine wachsende Nachfrage seitens der Kundschaft für Sammelstellen von sämtlichen Entsorgungsprodukten wie Glas, Plastik, Papier, PET oder Schrott», so Wachs. SBB Cargo sei durchaus in der Lage, entsprechende Abfallzentren mit Schienenanschluss zu kreieren und den Kunden damit eine Anlieferung per Bahn attraktiver zu gestalten. Vermutlich im Oktober oder November wird ein erster von diversen neu angedachten Entsorgungs-Hubs im luzernischen Rothenburg seinen Testbetrieb aufnehmen. «Wir möchten sicherstellen, dass wir die Kunden langfristig über den gesamten Entsorgungsprozess auf der Schiene bedienen können», sagt die Projektleiterin.

Informationsfluss und Kundendialog.

Dieser Anspruch gilt für die gesamte Transportlogistik der Kundschaft: Je besser SBB Cargo die entsprechenden Bedürfnisse antizipiert, desto grösser die Erfolgschancen. In diesem Kontext bewegt sich das dritte Teilprojekt: Es gehe darum, sich im Sinne von Netzoptimierungen möglichst früh in die Projektpläne der Kundschaft einzuklinken, beratend zu unterstützen sowie gemeinsam valable Lösungen zu entwickeln. Katharina Wachs gibt ein Beispiel: «Plant ein Kunde die Schliessung eines bestimmten Produk­tionsstandorts und informiert uns frühzeitig, können wir rasch passende Ersatzangebote entwickeln oder ihm attraktive Alternativen präsentieren.» Dank einer intensiven Kommunikation in den frühesten Planungsphasen könne viel Vertrauen geschaffen und damit die Basis für nachhaltige Partnerschaften gelegt werden.

Zur Verbesserung von Transport- und Logistikprozessen bei den Kunden soll neben moderneren Güterwagen und effizienteren Streckennetzen auch die Digitalisierung ihren wesentlichen Beitrag leisten. Dieser Aufgabe widmet sich das parallel laufende Projekt «Digitale Kundenschnittstelle», mit dem SBB Cargo den Informationsfluss und den Kundendialog verbessern möchte.

Lernprozess der kleinen Schritte.

«Genauso wie die alten Güterwagen nicht mehr den modernen Transportanforderungen genügen, sind unsere bestehenden IT-Systeme aus den 90er Jahren in ihren Kommunikationsmöglichkeiten beschränkt und viel zu komplex in der Handhabung», bringt es Projektleiter Gianpaolo Leccardi auf den Punkt. Moderne Kommunikation von heute funktioniere viel schneller und individueller. «Wir sind deshalb damit beschäftigt, für die Kunden weniger komplexe IT-Lösungen zu bauen, die ihnen den Zugang zur Bahn und den wichtigen Transportinformationen nachhaltig erleichtern sollen.»

Wir wollen mit unseren Innovationsbestrebungen nicht nur bestehende Kunden unterstützen, sondern auch Neuverkehr auf die Schiene bringen.

Katharina Wachs, SBB Cargo

 

Was einfach klingt, ist in der Umsetzung alles andere als ein Zuckerschlecken. Veraltete physische Prozesse seien durch moderne IT-Lösungen unmöglich zu verbessern, sagt Leccardi. Man befinde sich deshalb in einem Lernprozess der kleinen Schritte, die stets mit den Entwicklungen auf der operativ-strategischen Ebene abgestimmt werden müssten.

Neuverkehr auf die Schiene.

Bis Ende 2017 werden die ersten drei finalisierten Produkte des Projekts «Digitale Kundenschnittstelle» präsentiert. Die mobile App «Cargo Check-in» ermöglicht dem Kunden, den Check-in-Prozess künftig selbst via Smartphone an der Rampe vorzunehmen, statt die Daten wie bis anhin via Rampen- und Dispositionsmitarbeiter manuell eingeben zu lassen. Ein zweites Produkt heisst «Cargo API» und beschreibt eine neu geschaffene Schnittstelle von SBB Cargo zu den Systemen der Grosskunden, über welche diese auf individuelle Services und Daten zugreifen können. Und mit der neuen Web-Applikation «Cargo View» wird den Kunden künftig eine Übersicht zu allen Sendungen im Ein- und Ausgang gewährt. Damit behalten sie ihre gesamte Transportkette im Blick und können bei Abweichungen sofort reagieren.

Die Cargo-View-Applikation erlaubt in einem nächsten Schritt die Integration von Funktionen wie etwa die Kontrolle über den Wagenzutritt oder die Einsicht elektronischer Frachtdokumente (Track & Trace), was vor allem im Zusammenhang mit den neuen Güterwagen-Oberbauten spannend wird. Die vormals «dumme Blechbüchse» wird also bald mit Intelligenz ausgerüstet sein, die dem Kunden rund um die Uhr über jedes Endgerät zugänglich gemacht wird. Das ist ganz im Sinne von Projektleiterin Wachs: «Schliesslich wollen wir mit unseren Innovationsbestrebungen nicht nur bestehende Kunden unterstützen, sondern auch Neuverkehr auf die Schiene bringen.»

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